„Erleichtert, dass mir nichts gehört“

Brigitta Höpler spricht über das Open End, das Hineinleben ins Wohlwollen und fliegende Teppiche aus Worten.

VOLL50: Wann faltest Du Deine Hände?

BRIGITTA HÖPLER: „Nie“ wollte ich sofort schrei(b)en. Wegen meiner ersten Assoziation zur Frage: „Hände falten, Goschn halten“. Abgesehen davon falte ich meine Hände, wenn sie kalt sind, in der Manteltasche. Wenn sie einen kleinen, runden Stein oder eine Kastanie halten.

VOLL50: Welches Happyend braucht man mit voll50 auf jeden Fall?

BRIGITTA HÖPLER: Happy End ist für mich ein Filmbegriff. Ich bevorzuge allerdings Filme mit Open End, oder mit schrägem, ungewöhnlichem Ende. Immer kostbarer wird mir das „Augenblicksglück“, ein Begriff der Dichterin Rose Ausländer.

VOLL50: Was bedeutet es für Dich, in den Sternenhimmel zu schauen?

BRIGITTA HÖPLER: Ich liege auf sonnenwarmen Steinen auf der Insel Losinj. Schaue in die Sterne, die Milchstraße, die Sternschnuppen. Sterne und Steine waren lange vor mir da und werden lange nach mir da sein. Das ist beruhigend, relativierend, tröstend. Und hat etwas Schwereloses.

VOLL50: Welcher Sinn ist mit voll50 bedeutsamer als mit voll30?

BRIGITTA HÖPLER: Mit 30 dachte ich, mir gehört die Welt, und das Wollen war so drängend. Mit 50 bin ich dermaßen erleichtert, dass mir nichts gehört. Ich wünsche mir, in ein Wohlwollen hineinzuleben, auch und vor allem mir selbst gegenüber. Mein Adventkalender (von einem Berliner Verlag) weiß das offenbar. Hinter der ersten Tür lese ich einen Gedanken von Clara Luise: „Als ich begann, nicht mehr so hart zu mir selbst zu sein, wurde auch der Rest der Welt sanfter.“

VOLL50: Wo hast Du Deinen Platz gefunden?

BRIGITTA HÖPLER: In Worten. Worte geben mir ein Dach über dem Kopf und Boden unter den Füßen. Sie verbinden, verbünden mich mit den Dingen, den Wesen, den Erscheinungen. Sie wärmen und beschützen mich, sind allerdings auch fliegende Teppiche, mit denen ich mich auf und davon mache.

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„Anpassen – wozu und für wen?“

Von schwachen Männern, Wolkenbildern und zwei Liedern, die sie begleiten, erzählt Bettina Stein-Geba.

VOLL50: Welche Art von Bewegung ist dir die liebste?

BETTINA STEIN: Als Kind bin ich mit unseren Eltern immer wandern und Skifahren gewesen und irgendwie habe ich es gehasst. Es war einfach nicht lustig, den Berg rauf und wieder runter zu gehen. Dann habe ich das Schwimmen entdeckt und war sogar in der Jugendliga.

Noch heute vergesse ich dabei Raum und Zeit, wenn ich im Wasser bin. Mein Körper ist leicht und wird vom Wasser getragen und gestreichelt. Beim Rückenschwimmen schaue ich in den Himmel und denke nichts oder wenn meine Kinder dabei sind, raten wir Figuren in den Wolken und erzählen uns gegenseitig Geschichten, was sich da oberhalb von uns abspielt.

VOLL50: Worüber kann man mit voll50 lachen, über das man mit voll30 noch geweint hat?

BETTINA STEIN: Oh meine Güte, ist das eine schwere Frage! Ich weiß nur, dass ich nie wieder 30 sein möchte. Da war ich alleinerziehend mit einem einjährigen Schreikind, keinen Mann, kein Job und kein Geld. Ich weiß bis heute nicht, woher ich die Energie hatte, aber in dieser Zeit gründete ich mein Unternehmen. In meiner beruflichen Laufbahn hatte ich immer Glück, doch meine Männerwahl war eine Katastrophe. Meine Vision und Traum war immer, dass ich in einer großen Villa in der Nähe vom Wasser wohne, einen super tollen Mann an meiner Seite und vier Kinder habe. Alles soll harmonisch, ausgeglichen sein, keinen Stress und keine Streitereien geben. Doch Träume werden nicht immer so in die Realität umgesetzt! Ich hatte eine sehr schwere Zwillingsschwangerschaft, da bin ich zwölf Wochen im Spital gelegen. Leider habe ich bei der Geburt ein Mädchen verloren. Mein Jüngster – heute 10 Jahre alt -,  wäre fast auf der Neonatologie gestorben, wenn ich ihn nicht auf Revers rausgeholt hätte.  Meine Männer waren immer zu schwach für mich. Bei jedem Problem haben sie mich allein gelassen. Darum will ich nicht mehr jünger sein – keine 30 und keine 40 mehr!

Heute mit bald 52 Jahren habe ich gefunden, was ich mit gewünscht hatte. Vor zwei Jahren habe ich das dritte Mal geheiratet, meine vier Kinder sind mein Ein und Alles und uns verbindet ein unglaubliches Band miteinander. Ich bin eine Mischung aus Freundin und Mama für sie und sie wissen, dass ich für sie durchs Feuer gehe. Mit meinem jetzigen Mann habe ich keine gemeinsamen Kinder- vielleicht ist das das Geheimnis einer glücklichen Beziehung?  Sprich meine Träume sind in einer abgeänderten Version wahr geworden.

VOLL50: Woran passt du dich gerne an?

BETTINA STEIN: Ich will mich nicht anpassen. Wozu und für wen? Entweder man liebt mich oder man hasst mich!

VOLL50: Muss man mit voll50 wissen, wohin die Reise geht?

BETTINA STEIN: Ich coache Frauen in diesem Bereich und wir machen fast immer eine Biografie und Visionsarbeit – wohin gehe ich, was will ich, aus welcher Ausfahrt meines Kreisverkehrs biege ich ab? Das Wichtigste ist, dass dein Herz dir zeigt, wohin du gehen sollst. „Geh wohin dein Herz dich treibt!“ – hinterfrage es nur immer wieder und reflektiere dich, ob es dir gut geht. Wenn es dir gut geht, dann geht es deinem nahen Umfeld ebenfalls gut!

VOLL50: Welches Lied drückt dein momentanes Lebensgefühl aus?

BETTINA STEIN: Da gibt es zwei Lieder:  „Guten Morgen Freiheit“ von Yvonne Catterfeld und „In meinem Leben“ von Nena, denn die meisten Frauen ab einem gewissen Alter, finden sich in diesem Lied wieder. „In meinem Leben bin ich oft geflogen, tief gefallen aber auch manchmal ertrunken – ich habe gegeben, ich habe genommen – ich bin mir nah und mir immer wieder fremd. Ich will nicht arm sein, und Geld macht mich nicht reich, manchmal ist das Leben schwer, ich habe gelacht und geweint und habe herausgefunden, was mich schöner macht.

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„In voll Fünfzig Zügen“

Andrea Steinwender

Was das Ur-Übel mancher Probleme der Zeit ist, warum Vernunft nie sexy ist und an welchen Grenzen sich die Geister scheiden, erzählt Andrea Steinwender.

VOLL50: Haben mit voll50 Begierden und Begehrlichkeiten ausgedient? Falls nein, warum nicht?

ANDREA STEINWENDER:  Sollte ich mit 50 keine Begierden oder Begehrlichkeiten mehr haben, wäre ich doch praktisch tot. Natürlich verändern sich diese im Laufe des Lebens, Begierden aus den 20er und 30ern haben sicher nicht mehr den Stellenwert von damals, die Entwicklung eines Menschen verändert diesen selbst genauso wie seine Begierden. Ich nehme mich nicht mehr so ernst und gebe mich manchen Begehrlichkeiten gerne hin, ohne groß darüber nachzudenken – und genieße sie. Schließlich hatte ich 50 Jahre Zeit, abzuwägen und darüber nachzudenken – jetzt genieße ich – zum Beispiel eine meiner Begehrlichkeiten, die in den letzten 20 Jahren zu kurz kam: mir mehr Zeit für mich selbst zu nehmen, in „voll Fünfzig Zügen“.

VOLL50: Worüber kannst du dich noch aufregen?

ANDREA STEINWENDER: Es gibt eigentlich nur eines, worüber ich mich wahnsinnig aufrege: dass eine Kategorie von Menschen denken, sie sei wertvoller als andere und dass ihre Wahrheiten die einzig Richtigen wären. Sei es die Hautfarbe, die Herkunft oder auch die Religion. Wir sind alle gleichwertige Menschen, egal woher wir kommen, welche Hautfarbe, Kultur oder Religion wir haben. Diese engstirnigen Menschen sind für mich wirklich das Ur-Übel so mancher Probleme in unserer Welt, und offenbar lernen wir leider nicht viel aus der Geschichte, um es heute besser zu machen.

VOLL50: Wann ist Vernunft mit voll50 sexy?

ANDREA STEINWENDER: Bei dieser Frage musste ich wirklich lange überlegen. Kann Vernunft sexy sein, für mich widerspricht sich das. Ich bin ein sehr gefühlvoller und emotionaler Mensch, der sehr oft aus dem Bauch heraus entscheidet. Natürlich entscheidet das Leben manchmal, dass Vernunft die bessere Wahl für einen selbst oder auch für das Umfeld, in dem man lebt, zu sein scheint, aber „Vernunft“ beschreibt eine sehr rationale Weise der Entscheidung, die ich vermeide, wenn es möglich ist. Muss ich der Vernunft folgen, geht „sexy“ verloren!

VOLL50: Welcher Stern hat dich bislang begleitet?

ANDREA STEINWENDER: Der Stern der Hoffnung. Oft ging es bergauf und bergab in meinem Leben, manchmal schien es keinen Ausweg zu geben, doch in meinem tiefsten Inneren hatte ich immer jede Menge Liebe, die mir auch immer wieder die Hoffnung zurückbrachte und mich stets durchs Leben geleitete.

VOLL50: An welcher Grenze scheiden sich mit voll50 die Geister?

ANDREA STEINWENDER: An einer von anderen gesetzten Grenze. Das Leben an sich setzt ja schon eine Grenze, die mit dem Tod endet. Ich denke, vor allem geistige Grenzen sollten wir meiden beziehungsweise überschreiten. Gegen diese Grenzen müssen wir ankämpfen, sie überschreiten und uns öffnen für Neues, Verständnis füreinander aufbringen und nicht gegeneinander arbeiten. Das fängt in der Familie an und zieht sich durch unser kulturelles und politisches Leben und nicht selten bringt es uns an unsere eigenen Grenzen.

„Gleichheit ist richtig – aber auch nicht“

Empfindsam ist nicht gleich empfindlich, und Parteilichkeit lohnt sich – vor allem mit voll50, sagt Angelika Gassner.

VOLL50: Ist Gleichheit richtig?

ANGELIKA GASSNER: Liberté, egalité, fraternité ist das Erste, was mir zu Gleichheit einfällt. Oder die Verzerrung dessen in Animal Farm: „All animals are equal, but some animals are more equal than others.“ Der nächste Gedanke, der auftaucht, ist die fehlende Gleichheit der Frau zum Beispiel in der katholischen Kirche – seit Jahrtausenden. Und wenn ich noch präziser nachdenke, dann bin ich mir nicht mehr sicher, ob Gleichheit das ist, was ich richtig finde. Eine andere Nuance wäre mir lieber: Gleich-Würdig-keit (eine Neukomposition, die es so nicht gibt). Wir sind alle mit einer unauslöschlichen Würde, einer „göttlichen“ Würde ausgestattet, die uns niemand nehmen können sollte – auch wenn es immer wieder geschieht, dass auf ihr herumgetrampelt wird. Meine Würde grenzt an deine Würde – darin sind wir „gleich“. Aber sonst bin ich gleich viel wert, aber doch nicht gleich wie du, wie Sie. Ich bin eben ein Individuum, ein Unikat – ich möchte nicht unbedingt gleich behandelt werden, wie jede und jeder andere, aber mit Würde, Respekt, Liebe, jedoch so, dass ich es als an mich angepasst empfinde, eben achtsam und persönlich, individuell. Ist Gleichheit richtig – ja schon, aber eben auch nicht. Kommt darauf an, ob ich dahinter noch als die (Einmalige) gesehen werde, die ich bin – trotz gleicher Würde.

VOLL50: Zu welcher Art von Verschiedenheit sollte man mit voll50 stehen können?

ANGELIKA GASSNER: Ich entspreche nicht den gängigen Idealen (von Größe, Gewicht, Haarfarbe, Lebensstil, Einstellung, Spiritualität …), die so gern in den Medien vertrieben werden, die der Tradition oder der Moderne entsprechen. Aber ich stehe zu meiner Art zu lachen, zu leben, zu arbeiten, Muße zu tun, zu glauben. Ich stehe zur Verschiedenheit, die mich ausmacht, die mich einzig macht, die mir entspricht, die authentisch ist. Nicht immer und nicht durchgehend, aber immer mehr und immer tiefer.

VOLL50: Worin liegt für Dich der Unterschied zwischen empfindsam und empfindlich?

ANGELIKA GASSNER: Wenn ich empfindlich bin oder du empfindlich bist, dann können Missverständnisse schnell zu Konflikten, Streit oder Kommunikations-Pause oder -Ende führen. Ich könnte Trotz, Ärger, Unverständnis, Schweigen erleben, wenn mein Gegenüber (zu) empfindlich auf etwas reagiert. Rückzug oder (positive wie negative) Auseinandersetzung könnten die Folge sein. Wenn ich empfindsam bin, dann wähle ich meine Worte mit dem Herzen, aus der Verbundenheit mit dir. Dann bin ich achtsam präsent und reagiere entsprechend sensibel. Ich höre Nuancen, ich sehe Tiefe, ich spüre Schwingungen und achte sie. Wenn du empfindsam bist, dann ist der Weg zu mir kürzer, sanfter, verständnisvoller, intensiver, lebendiger.

VOLL50: Welche Bewegung sollte mit voll50 auf keinen Fall weh tun?

ANGELIKA GASSNER: Die innere, die seelische Bewegung beziehungsweise Beweglichkeit sollte auf keinen Fall weh tun – zu keiner Zeit, aber besonders ab der Lebensmitte mit neuem Elan. Denn jetzt verändern sich die Themen nochmals, weg vom Fundament und Aufbau, hin zum Wesentlichen, der Mitte-Erfahrung und dann auch hin zu den letzten Dingen. Und dabei gilt es die gewonnenen Erfahrungen dankbar zu vermehren: indem sie sortiert, gewürdigt und liebevoll eingesetzt werden. Denn aus diesem Erfahrungsschatz setzt sich, wenn ich ihn auch wirklich als solchen wahrnehme, meine Lebensspur zusammen – ebenso meine Ausstrahlung, mein So-Sein und mein Profil. Die Bewegung des Herzens ist natürlich der der Seele verwandt. Sie gewinnt, wenn ich weiß, was mich nährt und beweglich hält. Herzgymnastik? Mein Herz weiten, stärken, nähren und dadurch an Fülle und Qualität gewinnen – wenn ich es immer wieder verschenke, kehrt es immer wieder bewegt zurück.

VOLL50: Wo leistest du dir Parteilichkeit?

ANGELIKA GASSNER: Partizipieren, teilhaben, Anteil nehmen, ein Teil sein von … Die Fülle des Lebens ist mir wichtig, die Auferstehungsqualität, die Lebensfreude und die Intensität des Seins und Tuns, die liebevolle Zuwendung … Eine offene, befreiende, inspirierende, heilsame Spiritualität lohnt sich immer, um das Leben dankbar zu feiern, zu genießen. Der Mensch kann so viel Gutes bewirken, wenn er achtsam, einfühlsam, empfindsam, sozial verbunden, dankbar und würdig lebt und leben lässt. Es täglich versuchen, an der Schönheit und Würde der Natur, des Menschen, des Göttlichen in mir teilzuhaben und es mit vielen zu teilen, dafür lohnt sich Parteilichkeit.

Foto: Robert Maybach©

„Zuhören, nachdenken, reagieren“

Vom Umarmen von Bäumen hält Silvia Tica weniger, dafür umso mehr von weichen Oberflächen und Tai Chi als Methode, ins Gleichgewicht zu kommen.

VOLL50: Woran erkennt eine Voll50-Frau ein schönes Wesen?

SILVIA TICA: Ein schönes Wesen hat das Merkmal, sich nicht zu vergleichen: es beneidet nichts und es gönnt von Herzen. Sich vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit. Ich glaube, dass jeder, der einigermaßen sensibel ist, diese Eigenschaften bei einem schönen Wesen heraus spürt, egal wie alt er ist.

VOLL50: Wie erlangst Du Dein (inneres) Gleichgewicht wieder?

SILVIA TICA: Eine wirklich gute Frage! Wenn ich in die Natur gehe, am liebsten mit meinem Hund,  kann ich einfach nur sein, ohne mir große Gedanken zu machen. Tai Chi ist für mich der nächste Schritt, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Das erdet einen vollkommen, man ist in seiner Mitte und es lösen sich plötzlich vermeintliche Probleme in Wohlgefallen auf. Das habe ich schon oft erlebt. Zudem weiß man dann genau, was zu tun ist, man ist fokussiert.

VOLL50: Wann muss man als Voll50-Frau auch mal steinhart sein?

SILVIA TICA: Steinhart, das klingt so drastisch, aber es gibt Situationen, die es einem abverlangen, eine klare Ansage zu machen und nicht winselnd von dannen zu ziehen, und sich dann hinterher zu ärgern, dass man seine Position nicht verteidigt hat. Man darf nur nicht in den Modus verfallen, an jedem und allem etwas zu kritisieren und seine Position durchzudrücken. Zuhören, nachdenken und dann reagieren.

VOLL50: Welche Oberfläche magst Du?

SILVIA TICA: Da kann ich ganz klar sagen: Oberflächen, die weich und fließend sind, wie ein Pullover, den man gar nicht mehr ausziehen möchte, weil er so angenehm ist.

VOLL50: Warum sollte man mit voll50 auch hin und wieder einmal einen Baum umarmen?

SILVIA TICA: Mit dem Baumumarmen ist das so eine Sache. Ich habe erst einen Baum umarmt, weil ich mal wissen wollte, was dann passiert. Ich halte es lieber mit dem Umarmen von Menschen, da spüre ich wirklich was.

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„Immer wieder phänomenal“

Auf Weltreise gehen, die Vergangenheit loslassen und Langsamkeit zelebrieren – Wünsche und Weisheit begleiten Alexandra Gundolf in ihre Zukunft.

VOLL50: Welche Facette Deines Voll50-Lebens magst du am liebsten?

ALEXANDRA GUNDOLF: Endlich wieder mehr Momente und Situationen zu haben, in denen ich spontan etwas ‚tun und lassen‘ kann, ohne gleich ein schlechtes Gewissen zu haben oder zwangsweise durch einen Termin nach dem anderen und gewissen Verpflichtungen eingeschränkt zu sein. Verantwortung wieder abzugeben, sowohl aus finanzieller als auch aus personeller Sichtweise. 

VOLL50: Falls Du Dich mal verzettelst: Was steht auf diesen Zetteln?

ALEXANDRA GUNDOLF: Arbeit, Arbeit, Arbeit! Aber zum Glück nehme ich mir immer wieder mehr Freiheiten und auf meinen Zetteln werden dann Träume und Pläne aufgeschrieben, die ich natürlich vorhabe, alle nochmal umzusetzen. Zum Beispiel mein größter Wunsch, nochmal auf Weltreise zu gehen, das Gefühl der Freiheit wieder zu spüren, ohne Zeitdruck, planlos von einem Ort zum anderen, an besonders schönen Orten länger verweilen, an anderen nur durch zu stöbern, neue Erfahrungen zu machen, immer wieder Neues entdecken, die Vielfalt von Land und Leuten erkunden und einfach nur zu leben.

VOLL50: Darf man mit Voll50 auch einmal eine Dramaqueen sein?

ALEXANDRA GUNDOLF: Man darf, aber was bringt es? Je mehr man Dinge dramatisiert und je mehr man sich hineinsteigert, umso gravierender werden sie meistens. Manchmal muss man bestimmte Dinge einfach loslassen können, und das gelingt mir mit all meinen erfahrungsreichen Jahren am Rücken von Jahr zu Jahr besser. Aber vielleicht machen das auch meine vielen Aufenthalte in Afrika und die dortige Lebensweise, mehr Gelassenheit, mehr Geduld, da kann man Dinge nicht so einfach von heute auf morgen ändern. Alles verläuft einen Schritt langsamer. Am Anfang hat mich das wahnsinnig gemacht, aber mittlerweile verstehe ich es viel besser und schöpfe die Vorteile daraus.

VOLL50: In welchen Bereichen Deines Lebens regiert die Freiheit?

ALEXANDRA GUNDOLF: Miteinander zu leben und jeden zu akzeptieren, so wie er/sie ist. Was für mich schlecht ist, kann für Dich gut sein, ohne Vorurteile annehmen, was auf uns zu kommt. Vieles verstehen wir erst viel später, daher im ‚Heute‘ leben und genießen, denn das Vergangene können wir nicht mehr ändern und wer weiß, was die Zukunft noch so alles bringt. Freiheit ist nicht nur räumlich beschränkt, sondern auch in den Gedanken verankert. Ich fühle mich besonders frei, wenn ich die Natur und das Leben so annehmen kann, wie es geschaffen wurde. Jeder hat seine eigenen Energie- und Kraftquellen, die ich zu nutzen versuche. Es muss nicht immer alles verändert und zurechtgerückt werden. Nimm es, wie es ist und versuch, das Beste daraus zu machen, für mich, meine Mitmenschen und mein Umfeld – mein Lebensmotto mit voll 50.

VOLL50: Woran sollte eine Voll50-Frau ihr Herz nicht hängen?

ALEXANDRA GUNDOLF: An die Vergangenheit, obwohl das nicht immer funktioniert. Ich erwische mich immer wieder bei Gedanken und Fragen, hätte ich das besser oder anders machen sollen, aber was vorbei ist, ist vorbei. Manchmal trifft man Entscheidungen und zweifelt, muss sich dann aber doch für eine entscheiden. Jahre später oder oft auch nur, wenn die Umstände ein klein wenig anders wären, würde man vielleicht anders entscheiden, aber wir haben ja hoffentlich noch viel, viel Zeit das herauszufinden. Abwechslungsreiche Jahre haben mir viele Erfahrungen gebracht, obwohl ich zwischendurch auch immer wieder auf einiges verzichten musste, aber so ist das Leben, je bunter – je schöner! Und man ist nie zu alt, nochmal neu durchzustarten. Herausforderungen machen das Leben erst so richtig interessant und immer wieder phänomenal.

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„Keine Angst vor Langeweile“

Renata Eisen-Schatz liebt ihre Unabhängigkeit und Freiheit. Die künstliche Distanzierung zwischen den Menschen macht ihr zu schaffen.

VOLL50: Was empfindest Du mit Voll50 als Gnade?

RENATA EISEN-SCHATZ: Diese Frage musste ich tatsächlich mehrmals lesen, und es kam so überhaupt keine Antwort in mir hoch. Selbst die Definition von Gnade hat kein Ergebnis gebracht, Fazit: Ich sehe in meinem Leben keine Gnade, weil ich auch nicht empfinde, dass mir etwas zugeflogen ist oder geschenkt wird. Alles, was ich bekomme, ist das Ergebnis von Vorherigem. Entweder habe ich es mir erarbeitet, erkämpft oder es ist das Resultat aus meinem bisherigen Tun. Es gibt für mich nur göttliche Gnade und auf die hoffe ich schon, weil sicher nicht immer alles richtig oder in göttlichem Sinne war, und um Gnade und Schutz von oben bitte ich definitiv regelmäßig.

VOLL50: Trauert man um Tiere genauso wie um Menschen?

RENATA EISEN-SCHATZ: Ich selber hatte nie eigene Haustiere außer einem Wellensittich im Kinderalter, aber ich habe furchtbar gelitten, als die Meerschweinchen meiner Tochter – noch dazu an einem Tag – gestorben sind. Ja, und die Trauer hat schon einige Zeit angedauert, und sie fehlen uns heute noch. Vollstes Verständnis habe ich für die Trauer von Menschen, die lange Zeit mit einem Tier gelebt, es sicher sehr geliebt haben, und ja, ich verstehe diese Trauer sehr gut. Ich denke, dass jeder Verlust eines geliebten Wesens, egal ob Tier oder Mensch, zu einer Trauer führt und die Intensität davon abhängt, wie sehr man geliebt hat. Früher hätte ich gesagt, dass wohl ein Unterschied sein muss, „es ist ja nur ein Tier“ – das sehe ich mittlerweile anders und respektiere, dass manche Menschen Tiere mehr lieben als andere Zeitgenossen, ist ja oft verständlich.

VOLL50: Wo hast Du mit Voll50 Deine persönliche Sonne aufgehängt?

RENATA EISEN-SCHATZ: Meine große Freude liegt in der Unabhängigkeit und dem Freisein. Beides hatte ich nicht einmal vor der Gründung der Familie, weil ich als Workaholic nicht frei, sondern ständig mit meiner beruflichen Karriere beschäftigt war. Trotz meiner Jobs bin ich jetzt aber frei! Ich bestimme, was ich wann tue und genieße es sehr. Diese Freiheit ist wahrscheinlich auch der Grund dafür, warum ich kein Haustier habe. Ich möchte noch viel erleben, viel reisen, und ich habe keine Angst vor Langeweile, wenn es mal beruflich so etwas wie ein Ende gibt, denn es gibt noch so viel zu tun.

VOLL50: Wann empfindest Du emotionale Wärme?

RENATA EISEN-SCHATZ: Wenn ich Zeit mit meinen liebsten Menschen verbringe, meine Familie um mich habe, Freundschaft spüre, gemeinsam lachen kann oder auch bei manchen Blicken von Menschen oder sogar Tieren. Die können einen oft sehr emotional anschauen, und das wärmt mein Herz. Ich spüre es aber auch, wenn ich schöne Musik höre oder mich zum Beispiel ein Kind umarmt. Ich arbeite auch ehrenamtlich in einem Lerncafé und bis vor Corona war es unbeschreiblich schön, weil sich die Kinder sehr oft mit Umarmungen bei mir bedankt haben. Es ist furchtbar, dass es so etwas kaum noch gibt. Diese Distanzierung seit Covid-19 macht mir sehr zu schaffen und zeigt mir erst, wie sehr ich Umarmungen und Nähe von anderen brauche.

VOLL50: Wie hat sich voll50 mit voll30 angefühlt?

RENATA EISEN-SCHATZ: Diese letzte Frage brachte ein großes Stirnrunzeln, denn ich hatte doch tatsächlich mit Voll30 keinen Kontakt mit voll50jährigen Frauen, außer innerhalb der Familie. Familie fühlt sich anders an, es gibt kein Alter, wobei meine Tante immer viel „jünger“ als meine Mutter war, obwohl sie nur zwei Jahre trennen. Sonst kann ich mich mit Voll30 eigentlich nur an Voll50-Männer erinnern, weil sie Kontakt zu mir gesucht, mich eingeladen haben oder weil ich eben in einer beruflichen Männer-Domäne mit ihnen zu tun hatte. Ich habe mich mit manchen gut verstanden, aber sie waren mir immer zu alt – eine interessante Erkenntnis, wo ICH doch jetzt voll50 bin!!! Aber auch eine Erklärung, weshalb die Männer in meinem Leben immer jünger waren als ich!

„Meine Zukunft ist mein persönliches Abenteuer“

Anna Simonetti war lange in starren Strukturen gefangen, weil sie nichts anderes kannte. Doch jetzt ist alles anders und neu – vor allem das Gefühl von Freiheit.

VOLL50: Hat sich Deine Vorliebe für Materialien im Laufe der Jahre geändert?

ANNA SIMONETTI: Eigentlich hat sich da nichts geändert, weil ich immer schon Samt und Spitze gemocht habe. Früher war dabei oft das äußere Erscheinungsbild wichtig, jetzt schaue ich auf Qualität. Und das gilt in jeder Beziehung, nicht nur bei Materialien.

VOLL50: Auf welchen Säulen steht Dein Leben mit Voll50?

ANNA SIMONETTI: Auf Werten. Die Familie ist wichtig, und was eine ganz, ganz starke Säule für mich ist, ist die Freiheit. Die Freiheit, über mein Leben selbst zu bestimmen, schenkt mir große Glücksgefühle. Ich komme aus einem sehr strengen Elternhaus und durfte nie machen, was ich wollte. Nicht einmal den Berufswunsch konnte ich mir nach meinen Vorstellungen verwirklichen. Später kam ich durch meine Heirat in eine Familie, die auch sehr straff organisiert war. Und weil ich Teil dieses Familienunternehmens war, musste ich ständig verfügbar sein. Später, nach der Trennung von meinem Mann, konnte ich erst fassen: Das freie Bestimmen über mich selbst möchte ich nie wieder aufgeben. Und auch später in anderen Jobs, wenn ich das Gefühl hatte, dass Chefs Besitzansprüche auf mich aufzubauen versuchten, wurde es mir einfach zu eng. Das ging dann einfach nicht mehr. Deshalb ist es für mich auch derzeit undenkbar, mit einem Mann zu leben, weil mich das wieder in ein Abhängigkeitsverhältnis führt. Möglicherweise neige ich dazu, weil ich es nicht anders gewöhnt bin. Doch ich merke, dass ich dann unzufrieden werde. Eine Freundin meinte, sie habe mich in Beziehungen immer irgendwie unterwürfig erlebt, und das stimmt auch, weil ich ja gewohnt war, zu gehorchen. Doch das will ich nicht mehr. Einen Tag werde ich nie vergessen: Ich war nach der Trennung mit den Kindern beim Baden und konnte so lange bleiben, wie ich wollte. Kein Kochen, keine Arbeit, keine Erwartungen. Das war ein überwältigendes Gefühl. Damals hatte ich das erste Mal das Gefühl: Es ist so schön, frei zu sein.

VOLL50: Welches Abenteuer liegt noch vor Dir?

ANNA SIMONETTI: Eigentlich das Leben, weil es ja frei ist. Ich kann entscheiden, wie ich meinen Tag gestalte, was ich nächste Woche mache. Das hatte ich nie. Insofern ist jeder Tag fast schon ein Abenteuer. Freilich habe ich Träume, zum Beispiel auf den Jakobsweg zu gehen. Auch andere Reisen gehören dazu. Doch grundsätzlich ist meine Zukunft mein persönliches Abenteuer. Und wenn etwas nicht so kommt, wie ich etwas plane, dann stört das auch nicht. Es darf alles sein.

VOLL50: Welches Allheilmittel hast Du mit Voll50 immer in Deinem (mentalen) Erste-Hilfe-Kasten?

ANNA SIMONETTI: Mich hat es immer weiter gebracht, jeden Menschen so zu nehmen, wie er ist. Ihn nicht verändern zu wollen, sondern für mich zu entscheiden, ob ich diesen Menschen so akzeptiere oder nicht. Wenn mir jemand nicht passt, muss ich ja nichts mit ihm zu tun haben. Sobald man das Gegenüber so sein lässt, wie es ist, ist es für mich eine Bereicherung. Wichtig finde ich auch, etwas direkt anzusprechen. Sachen gleich zu klären, kann viele Verletzungen vermeiden, finde ich.

VOLL50: Pflegst Du lieber Dich oder andere?

ANNA SIMONETTI: Früher habe ich lieber andere gepflegt, momentan pflege ich lieber mich selbst. Es gehört zwar dazu, dass man Familie pflegt, aber in erster Linie schaue ich jetzt auf mich. Und seit ich das mache, sagt man mir, dass ich auch nicht mehr so gestresst ausschaue. Es spiegelt sich eben im Gesicht, in welcher Lebensphase man sich gerade befindet. Meine Freunde freuen sich, dass ich jetzt mehr Zeit für sie habe. Freundschaften pflege ich übrigens auch mehr als früher. Man kann sich trotzdem um andere kümmern, doch sollte sich selbst darüber eben nicht vergessen. Oft denke ich mir, dass sich viele Menschen deshalb nicht selbst achten, weil sie sich vielleicht nicht mit sich selber beschäftigen können oder wollen.

„Man kann sich beteiligen oder man rollt einfach davon“

Eva-Maria Kreuzberger-Stickler

Eva-Maria Kreuzberger-Stickler steckt mittendrin in einer sinnlichen Veränderung. Dabei genießt sie es, aus dem Topf der Erfahrungen zu naschen. Sie helfen ihr, vieles neu zu definieren.

VOLL50: Wann konntest du das erste Mal „alle Fünfe grade“ sein lassen?

EVA-MARIA KREUZBERGER-STICKLER: Das weiß ich weiß nicht mehr. Da ich nicht zum Perfektionismus neige und auch kein planungswütiger Typ bin, fällt es mir leicht, alles liegen und stehen zu lassen. Insofern: Spontane Pausen, ein Gläschen Wein und wertvolle Gespräche plus Spaziergang (hat mich mein Hund gelehrt) werden jederzeit Raum und Zeit haben!

VOLL50: Hat sich Dein sinnliches Empfinden mit Voll50 verändert?

EVA-MARIA KREUZBERGER-STICKLER: Ich bin mitten drin in der sinnlichen Veränderung. Ich schöpfe aus einem Topf wertvoller, witziger, schräger, peinlicher Situationen jeglicher Art. Ich mag meine Stärken und Schwächen. Ich habe erkannt, wie wertvoll und schön mein Körper ist. Meine Lebensumgebung erkenne ich nicht mehr als „Beweise-Dich-Situation“ an, daher bleibt wertvolle Zeit für Sinnlichkeit jeglicher Art. Für mich war obligat, auf die Bremse zu steigen und meine Lebensgeschwindigkeit auf ein gemütliches Tempo zu verlangsamen. Jetzt war wirkliches, sinnliches Wahrnehmen möglich! Das betrifft besonders den Sinn der genussvollen Nahrungsaufnahme. Vor einigen Jahren habe ich täglich für die gesamte Familie gekocht. Jetzt sind alle Kinder flügge geworden, und nur mein Mann und ich bevölkern noch unsere gemütliche Küche. Wir suchen nach Rezepten, bereiten die Köstlichkeiten selber zu, Essen und Trinken an einem schön gedeckten Tisch. Kerzenschein darf nicht fehlen. Da entdeckt man auch den eigenen Mann wieder mit allen Sinnen!

VOLL50: Welche Situation kannst Du Dir vorstellen, in der Du es genießen könntest, das fünfte Rad am Wagen zu sein?

EVA-MARIA KREUZBERGER-STICKLER: (lacht) 20 Jahre in einer Patchworkfamilie zu leben – da ist mir dieses „Fünfte-Rad-am-Wagen-Gefühl“ gut bekannt. Deine Kinder, meine Kinder, Deine Regeln, meine Regeln, zu viele selbsternannte Spezialisten in Sachen Patchwork, die versuchen „mitzuhelfen“. Wir waren als Gesamtkunstwerk acht Personen und Hund – ich habe wahrgenommen, dass jedes Familienmitglied dieses „Fünfte-Rad-am-Wagen-Gefühl“ kennen lernen durfte, sogar der Hund. Nichtsdestotrotz: Viele Jahre empfand ich dieses Gefühl als unangenehm. Das veränderte sich, denn mittlerweile genieße ich die Freiheit, die sich aus dieser speziellen Position ergibt, denn falls das Reserverad doch nochmal wichtig wird, hat man ja die Wahl. Man kann sich beteiligen, oder man rollt einfach davon!

VOLL50: Wie hat sich Deine Einstellung zur Liebe mit Voll50 entwickelt?

EVA-MARIA KREUZBERGER-STICKLER: Im Laufe meiner Entwicklung zum Frausein fand ich den Weg weg von „Cowboy-Beziehungen“ hin zu einem starken Gefühl der Zuneigung zu mir nahestehenden Menschen. Ich durfte in jungen Jahren die Mutterliebe zu meinen Söhnen erfahren. Ich habe für die beiden vieles getan, was ich für keinen anderen Menschen auf mich nehmen würde.

Meine Liebe weitete sich durch das Einlassen auf das Abenteuer „Patchworkfamily“.  In diesen Lebensjahrzehnten fühlte sich meine Liebe und Zuneigung auf die Familie fokussiert (gebündelt) an. Jetzt mit voll50 wird meine Liebe umfassender – die Liebesschwingungen tanzen mal stürmisch, mal sanft, und sie verteilen sich auf Menschen, Tiere, Pflanzen – aufs Tun und Dasein. Viele wertvolle Wesen, aber auch Hürden wurden mir als Lehren zur Seite gestellt. Mehrmals bin ich gestrauchelt, habe Rückschläge in Kauf genommen, Verletzungen erlitten. All die bewältigten Krisen waren Anlass, mich weiterentwickeln zu können, verzeihen zu lernen, Werte zu leben, das Beste aus der gegebenen Situation zu machen, den dynamischen Prozess des Lebens zu erkennen. Ich hoffe auf eine nie endende Entwicklung dieses Tanzes der Liebe. Manchmal versuche ich meinen Kindern und Enkeln zu erklären wie toll das mit mir, im hohen Alter, noch werden wird! „Alles gut, Mama“, ist die liebevolle Antwort.

VOLL50: Woran erkennst Du, dass ein Mensch offen ist für neue Erfahrungen?

EVA-MARIA KREUZBERGER-STICKLER: Wenn Menschen einander aktiv zuhören und Interesse am Gegenüber zeigen, beginnt schon die Offenheit für neue Erfahrungen. Wenn sich Mitmenschen in neue Heldengeschichten begeben, ohne Sicherheitsnetz und sich nicht von hohen Wellen und Gegenwind beeinflussen lassen. Wenn ich in Wort und Tat spüre, dass Verzeihen möglich wird.

Wenn ich in meinem Beruf als Krankenschwester erlebe, dass Menschen aufgrund von physischen und/oder psychischen Erkrankungen an die Grenzen des Lebens geführt werden. Die meisten von ihnen fassen den Entschluss, sich der Situation zu stellen, die neue Lebenssituation zuzulassen, Regeln und Normen über Bord zu werfen, zu kämpfen, Beziehungen zu vertiefen oder zu beenden. Manche von ihnen darf ich auf diesem Weg begleiten. Dabei ist natürlich Voraussetzung, dass ich selbst offen für neue Erfahrungen bin!

“Horizont noch lange nicht ausgereizt“

Birgit Klackl-Salletmaier

Woher mit Voll50 Kraft und Inspiration kommt, weiß Birgit Klackl-Salletmaier inzwischen. Und doch gibt es noch vieles, was den Horizont dehnen soll.

VOLL50: Woher nimmt frau mit Voll50 Kraft?

BIRGIT KLACKL-SALLETMAIER: Für die Kraft, die ich brauche, habe ich mehrere Quellen, aus denen ich schöpfe. Zum einen ist da die Kernfamilie, also mein Partner und die beiden halbwüchsigen Jungs. Das Wissen, dass wir als Familie einander immer unterstützen und da füreinander sind, verleiht Kraft. Auch die erweiterte Familie und eine Handvoll Freundinnen gehört zu dieser Kraftquelle.

Dann ist bei mir der Sport eine sehr wichtige Kraftquelle: Der stärkt natürlich den Körper, macht aber auch den Kopf frei und schärft mein Denken. Nach dem Laufen beispielsweise bin ich entspannt und fühle mich dann oft erst imstande, unangenehme Aufgaben – die an den Kräften zehren – anzupacken.

Und als ich noch in meinen 30ern war, bekam ich von einer klugen 50erin einen Sinnspruch mit auf den Weg: „In der Ruhe liegt die Kraft.“ Dieses Mantra hilft oft, besonders im Umgang mit meinen zwei Pubertieren: Einmal durchschnaufen, konzentrieren und dann erst reagieren.

VOLL50: Wächst die eigene Natur mit der umgebenden zusammen?

BIRGIT KLACKL-SALLETMAIER: Selbstverständlich wächst die eigene Natur mit der umgebenden zusammen. Kein Mensch ist eine Insel, und jede von uns lebt im Zusammenspiel mit anderen und ist ein Produkt ihrer Beziehungen. Daher finde ich es wichtig, mir genau anzusehen, womit ich mich umgebe. Ist das Denken und Handeln der Personen, die ich um mich habe, positiv und im besten Fall für beide Seiten befruchtend? Ich versuche mich von Menschen fern zu halten, die so eine grundsätzliche Schwere und Ernsthaftigkeit im Leben haben. Da ich merke, dass das rasch auf mich abfärben würde.

VOLL50: Ist mit Voll50 der Horizont schon ausgereizt?

BIRGIT KLACKL-SALLETMAIER: Das hoffe ich doch nicht! Also mein persönlicher Horizont ist mit über 50 sicherlich nicht ausgereizt. Da sind einmal meine beiden Teenager, durch die ich mit Neuem konfrontiert bin: Wie nehmen sie die Welt wahr? Was erleben sie wie? Wie kann ich an ihrem Leben teilhaben und ihren Blickwinkel einnehmen? Da ist vieles dabei, was meine Sicht verändert.

Ich versuche täglich, meinen Horizont zu erweitern und hadere doch damit,  oft aus Zeitgründen nicht alles wissen und lernen zu können, was mich interessiert. Es gäbe so viele Bücher, die zu lesen sind. Und viele Gegenden und Länder, die ich sehen möchte. Aber auch wenn ich mit offenen Augen und Ohren durch die Welt gehe, erweitert sich mein Horizont: Ich habe in den letzten Monaten unsere Stadt Salzburg aus ganz anderen Blickwinkeln wahrgenommen. Ganz einfach, weil ich mir mehr Zeit zum Sehen genommen habe.

VOLL50: Welche Rolle spielt Verzeihen in deinem Leben?

BIRGIT KLACKL-SALLETMAIER: Ich bin ja eher ein vergesslicher Mensch. Und da ich wegen meines schlechten Gedächtnisses nicht nachtragend bin, fällt es mir leicht, zu verzeihen. Auch mir selbst. Etwas zu verzeihen empfinde ich auch als Vergangenheitsakt: Das zu Verzeihende ist schon passiert. Aber um zu verzeihen, muss ich mich wieder in die Vergangenheit wenden. Und das passt nicht zu mir, weil ich eher auf die Gegenwart und Zukunft schaue. Verzeihen ist also kein großer Aufwand für mich, weil es eh der Zwilling von Vergessen ist.

VOLL50: Wovor möchtest du mit Voll50 noch davonlaufen?

BIRGIT KLACKL-SALLETMAIER: Manchmal möchte ich gern vor Dummheit und Ignoranz sprichwörtlich davonlaufen. Der Wunsch wird mit dem Alter stärker, und ich denke immer noch drüber nach, ob das Intoleranz meinerseits ist.

Aber mehrmals pro Woche schlüpfe ich tatsächlich in die Laufschuhe und laufe davon: vor dem Alltag, der mir zu langweilig erscheint; vor den Pubertieren, die mir zu fordernd erscheinen; vor Menschen, die zu viel meiner Zeit beanspruchen; vor den Medien und den Negativschlagzeilen; vor mir selber, weil ich zu anspruchsvoll bin; vor Tätigkeiten, die ich nicht tun möchte. Die Liste ist beliebig erweiterbar. Wenn ich von meiner Runde des Kopfauslüftens zurück bin, weiß ich jedenfalls, dass im Davonlaufen meist die Lösung steckt: Das Lösung des Problems ist mir eingefallen, der negative Gedanke vergessen, die fordernden Pubertiere plötzlich lieb und nett und die ungeliebte Tätigkeit in fünf Minuten erledigt.

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