Kurz und knackig

Karolin Teufel-Eckey ist eine viel beschäftigte Frau. Und hat ihre Überlegungen zur Essenz eingedampft.

VOLL50: Woran merkt frau, dass andere auch ohne das Zutun von außen glücklich sind?

Karolin Teufel-Eckey: Am echten Strahlen, das von innen kommt.

VOLL50: Ab welcher Geschwindigkeit fliegt mit voll50 die rosarote Brille von der Nase?

Karolin Teufel-Eckey: Wir brauchen keine rosarote Brille, wir machen uns selbst die Welt bunt. Die Probleme von früher werden viel kleiner. Die meisten Dinge sind bei näheren Betrachten nicht mehr so schlimm und werden neu bewertet mit mehr Leichtigkeit.

VOLL50: Welchen Genuss kann es darstellen, mit voll50 auf dem Beobachterposten zu lehnen?

Karolin Teufel-Eckey: Man darf Zeuge werden, wie andere wachsen, groß werden und erblühen.

VOLL50: Warum ist es oft schwierig, die eigenen Wünsche auf den Tisch zu legen?

Karolin Teufel-Eckey: Weil wir Glaubenssätzen aus der Kindheit anhängen, die aussortiert gehören. Diese Glaubenssätze zu erkennen, anzunehmen und aufzulösen bedeutet, erstmal an sich zu arbeiten. Das ist kein einfacher Weg allerdings sehr lohnenswert. Das bereinigt die Gedanken und bringt ein hin zur Selbstliebe.

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„Die einzige Konstante in meinem Leben ist die Flexibilität“

Manchmal möchte Maria Alba Bonomo einfach nur den Mund halten und bei schönem Wetter ein Buch lesen. Doch das Leben ist für sie Veränderung, darauf ist sie eingestellt.

VOLL50: Welchen Grad von Perfektion empfindet man mit voll50 als Luxus?

Maria Alba Bonomo: Ich bin keine Perfektionistin. Mittlerweile gebe ich mich auch mit vielen Kompromissen zufrieden, weil ich merke, dass die Zeit für Perfektionismus nicht mehr reicht. Luxus empfinde ich, glaub ich, nicht und strebe ihn auch nicht an. Ich beschäftige mich noch mit dem Thema Zufriedenheit und Genuß. Vielleicht liegt es daran, dass ich zu viel im Kompromiss lebe und so bei jeder Situation und Gelegenheit noch diese kleine Verbesserung anzumerken habe (und sei es nur in Gedanken) – das ist eine schreckliche Eigenschaft, die ich loswerden sollte. Ich fordere sehr viel von mir selber und erwarte manchmal dasselbe von anderen, was natürlich nicht möglich ist. Zufrieden bin ich (leider) erst, wenn ich keinen finanziellen Druck habe, ansonsten bin ich unrund und kann nicht zur Ruhe kommen. Selbst wenn ich in der Natur bin, unser Hütte in den Bergen besuche oder im See schwimme – was für viele ein Luxus sein mag, aber wenn mich finanzielle Sorgen plagen, kann ich diesen Luxus nicht geniessen. Und wenn dann diese Seite mal passt, bekomme ich oft ein schlechtes Gewissen, wenn ich mir das jetzt gönne oder ein paar Tage frei genieße – unglaublich blöd oder? Aber Luxus für mich wäre auf jeden Fall einfach Zeit zu haben, keine Termine oder elterliche Verpflichtungen, einfach zu überlegen: So, was mache ich dieses Wochenende – es steht nichts Wichtiges an – das wäre für mich Luxus, dann noch schönes Wetter, mal wieder ein Buch lesen und einfach nichts machen.

VOLL50: Wann verleiht Flexibilität Stabilität?

Maria Alba Bonomo: Die einzige Konstante in meinem Leben ist die Flexibilität. Egal was, ich kann mich sehr schnell auf alle möglichen Situationen einstellen. Man hat schon so viel erlebt und schöpft aus der Erfahrung. Mit drei Kindern plus Mann muss man immer flexibel sein. Man bereitet sich nicht vor auf „uups, ein Loch im Kopf, Hand gebrochen, Bus versäumt, oder Tochter vergisst Handy im Zug, eine Freundin kommt zum Essen – dann doch fünf Freunde und übernachten, komplettes Essen verbrannt“ und so weiter. In solchen Situationen muss man flexibel bleiben, und eine neue Richtung muss her. Ich weiss mittlerweile, dass es für alles eine Lösung gibt. Starre Lösungen und Vorgaben sind nichts für mich. Ich weiss, dass sich immer alles ändert.

VOLL50: Wofür lohnt sich mit voll50 ein Streit voller Lust?

Maria Alba Bonomo: Für gar nichts, ich finde Streiten grundsätzlich blöd. Und trotzdem tu ich es immer wieder, früher mit meinen Eltern, dann mit meinen Kindern und jetzt auch mit meinem Mann. Wenn ich mit jemandem nicht der selben Meinung bin und es laut wird, werde ich auch laut. Und ärgere mich anschliessend wahnsinnig über mich selber, warum ich nicht den Mund gehalten habe. Ich kann ja trotzdem meine Meinung haben. Ein Sieg im Streit ist eigentlich immer ein Verlust.

VOLL50: Was muss passieren, dass der Fels in der Brandung zu bröckeln beginnt?

Maria Alba Bonomo: Wenn ich mich alleine fühle, die Aufgaben und die Verantwortung zu viel für mich und mein Umfeld nichts abnimmt, aber immer weiter und weiter fordert. Und Situationen, auf die ich keinen Einfluss habe und mir Ungerechtigkeit widerfährt.

VOLL50: Wie verändert sich die Idee von Gemeinschaft mit voll50?

Maria Alba Bonomo: Wenn man das Beste für sich und andere möchte, dafür einsteht und sich gegenseitig hilft, es zu erreichen. Neid, Missgunst und Eifersucht haben da keinen Platz. Wenn ich meine Meinung, meine Träume, Wünsche einfach sagen kann, ohne dass sich jemand dadurch beleidigt oder verletzt fühlt. Wenn man gemeinsame Ziele hat und einen Plan schmiedet, wie man diese Ziel erreichen kann und sich dann gemeinsam über das Geschaffene freut. Wenn man gerne Zeit mit Menschen verbringt, von denen man weiss, dass sich auch gerne Zeit mit einem verbringen, ohne dass sie es müssen, weil sie in irgendeiner Art Abhängigkeit stehen (Mutter – Kind).

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Keine Abstriche bei der Dummheit

Claudia Braunstein durfte die Erfahrung machen, dass Scheitern gut für sie ausgehen kann und dass die Gedanken anderer nichts mit ihr selbst zu tun haben.

VOLL50: Wann ist Sprunghaftigkeit etwas Positives?

Claudia Braunstein: Sprunghaftigkeit kommt in meinem Wortschatz nicht vor. Ich empfinde das als total negativ.Es bedeutet für mich Inkonsequenz, dass sich jemand nicht entscheiden kann oder dass er/sie zehn Ziele gleichzeitig hat. Sprunghaftigkeit ist ein Attribut, das einfach nicht zu mir passt. Ich bin ein sehr bewegter Mensch, aber immer mit klaren Zielen vor Augen.

VOLL50: Wann kann der frische Wind mit voll50 etwas rauh werden?

Claudia Braunstein: Mein Bewegungsdrang hat sich seit meiner Krebserkrankung noch viel mehr intensiviert, weil man einfach das Bewusstsein bekommt, wie schnell die Zeit vorbei sein könnte. Und ich habe das Gefühl viel mehr, nichts versäumen zu wollen. Leider muss ich jetzt die Grenzen meines Körpers achten. Ich bin mehrfach behindert, was bedeutet, dass ich einfach nicht mehr so fit bin wie früher und schneller in eine körperliche Erschöpfung komme. Mein Körper zeigt mir das sehr deutlich, und ich bin auch sehr feinfühlig, was das angeht. Trotzdem gehe ich immer noch an Grenzen, aber ich weiß auch, wo die Grenzen sind. Natürlich hat das jetzt nicht nur mit meiner Krankheit zu tun. Ich werde im Herbst 60, und da muss man – auch wenn es schwerfällt – dass man sich in der Früh länger strecken muss, dass man nicht mehr so leicht aus dem Bett hüpft. Die Tatsachen, denen man so ungern in die Augen schaut, ist für mich der rauhe Wind.

VOLL50: Welchen Vorteil hat es, Ziele nicht zu erreichen?

Claudia Braunstein:Ich tue mir wahnsinnig schwer, mir ein Scheitern einzugestehen. Ich habe vor anderthalb Jahren einen Buchauftrag bekommen, einen Stadtführer für Salzburg zu schreiben. Ein absolutes Traumprojekt, auch in Corona-Zeiten. Und dann hat es angefangen, sich im Hintergrund derart zu spießen, auch finanziell. Und an Weihnachten habe ich plötzlich wirkliche Bauchschmerzen bekommen. Das Buch war zur Hälfte fertig, und trotzdem habe ich schweren Herzens beschlossen, es zu lassen. Ich hatte schlaflose Nächte wegen dieses Projekte und irgendwann beschlossen: ‚Ich will das nicht mehr.‘ Diese Entscheidung habe ich persönlich als ganz großes Scheitern empfunden. Letztendlich habe ich aber festgestellt, dass ich positiv aus dieser Geschichte heraus gekommen bin, indem ich die Reißleine gezogen habe.

VOLL50: Werden die Vorschriften mit voll 50 weniger?

Claudia Braunstein: Sowohl als auch. Ich merke für mich, dass ich für mich selbst entscheide, dass manches nicht mehr wichtig für mich ist, auch wegen meines Alters. Dass ich nicht mehr faltenfrei, dass der Po nicht mehr knackig ist, obwohl es mich stört. Doch dann merke ich, dass nicht ich das Problem bin, sondern die gesellschaftlichen Anforderungen. Gerade in der Social Media-Welt begegnen einem tagtäglich Frauen zwischen 50 und 60, die aussehen wie ihre eigenen Töchter. Ich kenne die Hintergründe. Diese Frauen tun oft den ganzen Tag nichts anderes, als gut auszuschauen. Die haben oft keinen 40-Stunden-Job, keine Kinder, Enkelkinder oder Eltern haben, die sie versorgen müssen. Und viele haben noch nicht einmal einen Mann, der ihre Fürsorge braucht. Dieses Bild beeindruckt unsere Denkweise, auch wenn wir wissen, dass es nicht stimmt. Letztendlich sollte einem diese scheinbare Anforderung egal sein. Wo ich allerdings keine Abstriche mache: wenn jemand dumm ist. Mit diesem Thema bin ich tagtäglich konfrontiert, weil ich Menschen begegne, die aufgrund meiner Sprachbehinderung glauben, dass ich dumm bin. Viele glauben nämlich, dass Menschen mit sprachlichen Einschränkungen generell einen niedrige IQ haben. Deshalb reden vielen in einfachen, lauten, hochdeutschen Sätzen mit mir, und das empfinde ich als sehr bitter. Ich denke mir dann immer, dass ich nicht angeschrien werden möchte, nur weil mich mein Gegenüber nicht versteht. Ich bin ja kein Volltrottel. Deshalb sage ich meistens: ‚Ich hatte Zungenkrebs, bin aber sonst ganz normal.‘ Damit gebe ich dem anderen die Information, die er oder sie sich nicht zu erfragen getraut hat. In elf Jahren hat mich nur eine einzige Person von sich aus gefragt, warum ich spreche, wie ich spreche. Wegen der Ehrlichkeit dieser Taxifahrerin bin ich damals fast in Tränen ausgebrochen vor Freude.

Damit hängt natürlich zusammen, dass ich beschlossen habe: Das ist alles nicht mein Problem. Wir machen uns viel zu oft Gedanken darüber, was andere von uns denken. Das sind deren Gedanken. Und entweder sie sprechen sie aus oder sie müssen damit weiterleben. Für mich ist das Selbstschutz, auch vor dem Hintergrund meiner Krankheit, die ein traumatischer Einschnitt in meinem Leben war.

VOLL50: Was trägt dich?

Claudia Braunstein:Mich trägt sicher die Tatsache, dass ich eine große, liebevolle Familie habe, zu der ich vier Kinder beigetragen habe. Sie ist mein Background. Aber auch die Erfahrung durch meine Erkrankung, die ich mit vielen Menschen teile. Ich habe eine Ausbildung zur Psycho-Onkologin gemacht und begleite Menschen mit Mundhöhlen-Krebs ehrenamtlich in einem Selbsthilfegruppen-Setting. Ich habe auch ein großes Netzwerk, in dem ich mich gut aufgehoben fühle. Man muss nicht mit allen befreundet sein, aber wenn man versucht, empathisch zu sein, hat man große Chancen, dass einem geholfen wird. Je positiver man sein möchte, umso leichter kommt man durchs Leben.

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Die Seele wächst an gegenseitiger Wertschätzung

Daniela Rohde bezweifelt, dass es Altruismus gibt und schwört auf Verbundenheit. Dabei kann sie durchaus Konflikte durchstehen und anderen ihre Lösungskompetenz lassen.

VOLL50: Wo und wann hört der Wunsch nach Harmonie um jeden Preis auf?
Daniela Rohde: Zugegeben bin ich ein harmoniebedürftiger Mensch. Früher haben mir Streitigkeiten Angst gemacht. Zu Hause wurde nicht gestritten, sondern die Dinge wurden „totgeschwiegen“, als wären die Konflikte dadurch verschwunden. Je älter ich werde, desto mehr stehe ich Auseinandersetzungen gerne durch, weil ich erkannt habe, dass gerade durch diese mein seelisches Wachstum gefördert wird. Die eigene Entwicklung wird gehemmt durch ein Zuviel an unechter Harmonie. Wenn aber alles ok ist, breche ich sicher keinen Streit vom Zaun.


VOLL50: Wie gestaltet Frau Verbundenheit mit voll50?
Daniela Rohde: Am meisten fühle ich mich mit meiner Familie verbunden. Mein Mann ist mein bester Freund! Die Kinder sind untereinander sehr verbunden. Die Geschwister mit ihren Familien kannst du dir nicht aussuchen. Dennoch bleiben wir für immer verbunden. Freunde kann ich mir aussuchen! Darunter gibt es Menschen, mit denen muss ich nicht jeden Tag telefonieren oder mich ständig treffen. Da telefoniere ich oder treffe sie zweimal im Jahr, und es ist, als hätten wir uns gestern gesehen: So vertraut, so easy … Das ist für mich echte Verbundenheit. In meinem Leben gibt es auch eine Freundin, mit der ich relativ viel Kontakt habe. Ich liebe sie auf eine Art, aber so richtig fließend oder leicht ist die Verbindung nicht. Sie bedarf gewisser Anstrengung! Darum denke ich, diese Freundschaft besteht aus einer Verbundenheit eines langjährigen gemeinsamen Weges, ist aber keine Seelenverwandtschaft. Dennoch ist auch diese Verbundenheit es wert, gelebt zu werden.


VOLL50: Wann platzt dem Altruismus die Hutschnur?
Daniela Rohde: Eine selbstlose Denk- und Handlungsweise – gibt es so etwas noch? Ist nicht in allem, was ich tue, ein klein wenig Egoismus? Warum bekomme ich Kinder? Für mich! Wofür will ich den Patienten die Schmerzen nehmen oder zumindest lindern? Nur für deren Wohl oder
auch ein kleines bisschen, um mein Helfersyndrom zu besänftigen? Warum engagiere ich mich in Vereinen? Weil ich möchte, dass sie fortbestehen und um ein kleines bisschen meinen Ruhm zu mehren?! In allem, was ich tue, scheine ich auch ein wenig meinen eigenen Vorteil zu suchen. Wer das Gegenteil behauptet, ist ein Heuchler. Dennoch bin ich kein purer Egoist! Denke ich… Und wenn ich alles auch ein wenig für mich tue, reißt auch keine Hutschnur.


VOLL50: Warum sollte Frau Voll50 den anderen auch mal Lösungskompetenz zugestehen?
Daniela Rohde: Ganz ehrlich? Damit habe ich gar kein Problem! Ich denke, dass jeder eine hohe Lösungskompetenz in sich trägt.


VOLL50: Was ist befriedigender als Respekt?
Daniela Rohde: Der Begriff Respekt kam häufig von den Eltern oder Lehrern, er hat etwas Eingestaubtes aber auch Einseitiges. Respekt will verdient werden. Anstrengend! Respektable Verhaltensweisen hingegen sind für mich ein Grundstein friedlichen Zusammenlebens. Ein schöneres Gefühl ist die gegenseitige Wertschätzung. Frau weiß, was sie an anderen hat. Und umgekehrt.

Von der Stärke, die eigene Meinung zu ändern

Andrea Kirchtag will aus dem Vollen schöpfen, jetzt mit voll50 mehr denn je. Und sie ist nicht auf der Welt, um so zu werden, wie andere sie wollen. Vor allem nicht ruhig.

VOLL50: Was versäumt frau mit voll50 gerne?

Andrea Kirchtag: Ich versäume gerne Zusammenkünfte, bei denen es nur und ausschließlich um Meinungsdiskussionen geht – ums Recht behalten, ums Durchsetzen und ums Besserwissen. Ich liebe es hingegen, mich mit Menschen auszutauschen, die wirklich etwas zu sagen haben und von denen man lernen kann. Ich schätze die Fähigkeit, unterschiedliche Ansichten auch einfach stehen lassen zu können – frei nach dem Motto „Let’s agree to disagree“

VOLL50: Ist es ein Widerspruch, zur Ruhe zu kommen und Veränderungen zu suchen?

Andrea Kirchtag: Für mich ist das gar kein Widerspruch. Ich bin ein Mensch, der Veränderungen braucht. Dann fühle ich mich lebendig und kann meine Ziele verfolgen und Neues erleben. Und als gelernte Psychologin weiß ich, dass jede Lebensphase auch immer wieder Veränderungen mit sich bringt. Als 30-Jährige haben mich natürlich andere Dinge beschäftigt als jetzt. Und das ist gut so. Während ich mich in jungen Jahren noch über so Vieles aufgeregt habe und „überall meinen Senf dazugeben musste“, erlaube ich mir seit mehreren Jahren, meine Meinung einfach auch einmal nicht kundzutun. Das finde ich sehr befreiend. Und die Ruhe? Die habe ich mein ganzes Leben gebraucht – schon als kleines Kind war mein Ruhepol das All-Eins-Sein in der Natur – das ist bis heute so geblieben. Bewegung in der Natur ist für mich die beste Kraft- und Ruhequelle.

Allerdings kann ich mit der Empfehlung von so manchen Menschen in meiner Umgebung, dass es auch für mich langsam Zeit wäre, etwas leiser zu treten, wenig anfangen. Das trifft für jene zu, die sich schon auf die Pension freuen und darauf hinarbeiten. Und manche sind dann ganz verblüfft, wenn ich sage, dass ich so voller Ideen bin und das Gefühl habe, aufgrund von über 30 Jahren Berufserfahrung kombiniert mit meinen vielen Ausbildungen, jetzt so richtig „aus dem Vollen zu schöpfen“. Die Vorstellung, dass ich „zur Ruhe kommen soll“ und mein Leben irgendwann ausschließlich darin bestehen soll, täglich irgendeinen Berg rauf und runter zu rennen oder mit den Walking-Stecken unterwegs zu sein oder tagaus tagein eine Radltour zu mache, ist mir unerträglich. Ich brauche immer was zum Denken, zum Entwickeln, zum Umsetzen, zum in die Welt bringen – und das werde ich auch tun, solange ich kann. Und irgendwann darf dann schon die „ewige Ruhe“ kommen – aber bitte jetzt noch nicht.

VOLL50: Legt man mit voll50 leichter alle Facetten der eigenen Persönlichkeit auf den Tisch oder schwerer?

Andrea Kirchtag: Es ist mir mit voll 50 nicht mehr so wichtig, mich unbedingt in allen Facetten zu zeigen. Ich wähle sehr genau aus, in welchen Kontexten ich mich wie zeigen will. Ich war immer schon ein Mensch, der sich selbst treu bleiben wollte. Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich als junge Frau viel eher bereit war, Kompromisse einzugehen und mich auch anzupassen. Das interessiert mich jetzt gar nicht mehr. Ich weiß, dass ich meinen Weg gehe, meine Ziele verfolge, meine Standpunkte vertrete und gleichzeitig über ein gutes Maß an Selbstreflexion verfüge. Ich sehe es als Stärke an, auch die eigene Meinung zu ändern. Das gibt mir ein Gefühl von Verantwortungsbewusstsein und gleichzeitig von Sicherheit und Freiheit. Und wer mit mir nicht kann, muss ja nicht. Ich bin nicht auf dieser Welt, um so zu werden, wie andere mich haben wollen. Und siehe da: es gibt genug Menschen, die gerne mit mir in Verbindung stehen und genau dieses Mein-So-Sein sehr schätzen.

VOLL50: Wann fallen Arbeit und gesundes Nichtstun zusammen?

Andrea Kirchtag: Arbeit ist für mich ein Lebenselixier. Ich bin tatsächlich ein Mensch, der sehr, sehr gerne arbeitet. Mein berufliches Leben habe ich überwiegend der Unterstützung von Frauen in Richtung selbstbestimmtes Leben gewidmet – und das nach so vielen Jahren – jetzt sind es tatsächlich schon Jahrzehnte – mit der gleichen Freude wie eh und je. Und ich werde das weiterhin tun. Und es gibt viel zu tun, denn wir sind leider weit weg von der Gleichberechtigung der Frauen – in Österreich – in Europa – weltweit – LEIDER.

Und das gesunde Nichtstun? Das konnte ich früher besser. Ich bin vor allem seit Corona so extrem beruflich gefordert, dass ich aus dem Arbeiten nicht mehr rauskomme. Danke für diese Frage, denn es wird Zeit für mich, das gesunde Nichtstun wieder mehr in mein Leben zu integrieren.

VOLL50: Wie fordert man mit voll50 den inneren Zensor zum Tanzen auf?

Andrea Kirchtag: Der innere Zensor ist mein längster Vertrauter, Freund und Feind zugleich. Er ist immer bei mir und er nervt oft. Ich habe allerdings auch für mich entdeckt, dass ich eine innere Beraterin – eine innere Mentorin – ebenso habe. Und wenn der innere Zensor wieder einmal zu viel herumkritisiert, dann bitte ich diese innere Mentorin um ihre Unterstützung. Und diese innere Mentorin argumentiert so gut und stark, dass sich der innere Zensor „verzieht“ und Ruhe gibt. Bestimmt und liebevoll wird er dann für eine Zeit lang „in den Urlaub geschickt“ oder er darf sich wie eine Katze auf der Ofenbank ausruhen. Getanzt habe ich mit dem inneren Zensor noch nie – aber vielleicht sollte ich ihn einmal zum Tanz auffordern – mal schauen, was dann passiert.

www.frau-und-arbeit.at

Von der Selbstreflexion zum Selbstgespräch

Anzuerkennen, wie kreativ wir bereits im Alltag sind, ist für Susanne Perner wichtig. Genauso wie das Selbstgespräch, deren Vorteile sie absolut auf den Punkt bringt.

VOLL50: Wann wird Vielfalt realitätsfremd?

Susanne Perner: Vielfalt ist mir wichtig. Je älter ich werde, desto mehr erkenne ich sie. Und ich bin Anhängerin des Gender-Sternchens. Mit Freude sehe ich, wie oft es in meinem Umfeld genutzt wird, und mit fragendem Blick höre ich zu, wenn es von einigen ironisch bewertet und daher bewusst nicht genutzt wird. Leider aber erkenne auch ich Vielfalt nicht immer in ihrer Vielfältigkeit. So wird sie für mich „realitätsfremd“, wenn ich nicht mehr weiß, ob ich nicht jemanden ungewollt ausgelassen habe.

VOLL50: Wo hört mit voll50 die Fröhlichkeit auf und wird zur Ungeduld?

Susanne Perner: Bei mir setzt die Ungeduld ein, wenn ich sehe, wie wenig Mitmenschen ihre Meinung auch einmal in Frage stellen. Zum Glück handelt es sich häufig um jüngere Mitmenschen, so dass sich dann wieder Fröhlichkeit über meine erreichte Reife einstellen kann.

VOLL50: Wie viel Selbstüberwindung braucht frau, um in ihre Kreativität zu kommen?

Susanne Perner: Frau braucht vor allem die Erkenntnis, wie oft sie im Alltag bereits Kreativität walten lässt. Ganz ohne Selbstüberwindung. Mir würde oft helfen, das besser zu sehen und anzuerkennen.

VOLL50: Wann sind mit voll50 Selbstgespräche wertvoller als der austausch mit einem gegenüber?

Susanne Perner: Selbstgespräche haben für mich etwas Therapeutisches. Das besonders Wertvolle am Selbstgespräch ist, dass ich dazu keine Verabredung treffen muss – ich bin ja immer für mich da. Und meine Selbstgespräche zu komplexeren Gefühlsthemen haben einen großen Vorteil: Ich habe bereits alle relevanten Informationen, muss also niemandem langmächtig erklären, worum es geht.

VOLL50: Warum kann Selbstreflexion manchmal einsam machen?

Susanne Perner: Darüber hatte ich noch nicht nachgedacht, aber es ist tatsächlich so: Menschen, die selbstreflektierter sind als ich, strahlen eine gewisse Autarkie aus. Anders als ich stellen sie regelmäßig sicher, dass sie mit sich „im Reinen“ sind. Über den Zusammenhang zwischen Autarkie und Einsamkeit muss ich nochmal stärker nachdenken. Demnächst. Am besten in einem Selbstgespräch.

Wechseljahre aus der Tabuzone holen

Sich mit einem breiten Lächeln zur dieser wechselvollen Phase eines Frauenlebens zu bekennen, schenkt Gelassenheit und kann sogar die nächste Hitzewallung verhindern. Hildegard Aman-Habacht weiß, wovon sie spricht.

VOLL50: Wie lässt sich ein offenes Herz und Verletzlichkeit verbinden?

Hildegard Aman-Habacht: Verletzlichkeit offenbart unsere Fehler, bringt uns in Verbindung mit unseren Ängsten und macht uns zu dem, was wir sind: zu Menschen. Menschlich zu sein heißt, verwundbar zu sein und öffnet Herzen. Emotionen, Gefühle und unser tiefstes inneres Sein kommen dabei zu Tage und zeigen unser wahres Ich. Damit können wir die Selbstlüge beenden, die wir vielleicht viele Jahre mit uns getragen haben. Damit können wir zu unseren Ängsten stehen, „Ja“ sagen zu unseren Zweifeln, uns selbst voller Ehrlichkeit begegnen, Neues entdecken, Balance finden und mehr und mehr bei uns selbst ankommen.

Verwundbarkeit im Außen zu zeigen, kann jedoch auch auf Unverständnis stoßen. Menschen werden in ihren eigenen Unzulänglichkeiten getriggert, zwanghaft Unterdrücktes kommt möglicherweise unkontrolliert hoch und entlädt sich explosiv. Jetzt heißt es noch mehr das Herz zu öffnen, indem wir das Gegenüber annehmen, wie es ist, ihm Liebe und Mitgefühl entgegenbringen.

Ein offenes Herz und Verletzlichkeit haben in unserer Welt wenig Platz und damit verbunden Mitgefühl, Einfühlsamkeit, Ehrlichkeit und Liebe. Doch ist es nicht gerade das, was Frau in den Wechseljahren benötigt? Um den Wechseljahren zu begegnen und all die Facetten der Millionen Farben des Wesens der Wechseljahre zu leben, darf Frau sich zunächst einmal verwundbar zeigen, indem sie sich ihre Wechseljahre eingesteht, sie aus der Tabuzone holt, indem sie öffentlich darüber spricht und sich zum nächsten Schweißausbruch voller Ehrlichkeit, mit einem breiten Grinsen bekennt. Nicht (mehr) perfekt zu sein, ist die verwundbare Seite für viele Frauen in den Wechseljahren. Doch sind es nicht gerade die Wechseljahre, die uns einladen, wieder bei uns anzukommen, nach vielen Jahren des Kümmerns um andere? Sind es nicht gerade die Wechseljahre, die uns auffordern unsere Träume und Visionen zu leben? Ja! Sie triggern es geradezu. Geben wir dem Begehren unseres Herzens nicht nach, stehen wir nicht zu uns und unseren Unzulänglichkeiten und zeigen uns damit weder verletzlich, noch verwundbar, rächen sie sich mit Hitzewallungen, Schlafstörungen & Co. Ein offenes Herz und Verletzlichkeit ist wie „Liebe ohne Kontrolle und Zwang“.

VOLL50: Wieviel Stabilität braucht frau mit voll50 für ihre Unabhängigkeit?

Hildegard Aman-Habacht: Unabhängigkeit zu leben braucht Mut, um die Komfortzone zu verlassen. Es braucht eine Menge an Vertrauen, Disziplin und Konsequenz. Unabhängig zu sein, neue Wege zu gehen, Visionen und Träume zu leben, bringt immer Instabilität ins Leben. Alles beginnt zu wanken, vieles gerät aus den Fugen. Doch die Wurzeln und die Selbstverständlichkeit zum Leben lassen auch den stärksten Baum im Sturm stabil im Boden verankert bleiben. In der Stabilität können wir unseren Selbstwert erkennen. Bei vielen Frauen ist dieser gerade in Wechseljahren nahezu abhanden gekommen. Sie meinen, nichts mehr zu taugen, zum alten Eisen zu gehören. Sie betrachten sich als ausrangiert und erkennen nicht, was sie in all den Jahren an Fähigkeiten, an Erkenntnissen und Erfahrung angesammelt haben. Die Frau Voll50 darf sich ihrer Weisheit bewusst werden und diese in vollen Zügen leben. Nur so kann sie ihr Wissen auf Schiene bringen und die ganze Welt daran teilhaben lassen. Selbst wenn die Stabilität zeitweise aus den Fugen zu geraten droht, es ist nur eine neue Ausrichtung, eine Umorientierung, das Entdecken der Einzigartigkeit. Mit offenem Herzen durch die Welt zu gehen und sich verletzlich zu zeigen, stärkt unsere Wurzeln, stärkt unseren Selbstwert und damit unsere Stabilität. Verständnis für den neuen Weg wird uns entgegengebracht und wir können unsere neue Unabhängigkeit mit viel Mut und Vertrauen erobern. Fehler werden akzeptiert, Umorientierung respektiert. Es geht darum „Die Verantwortung für das eigene Glück zu übernehmen“.

VOLL50: Wo verläuft die Grenze zwischen Lieben und Aufopfern?

Hildegard Aman-Habacht: Sich aus Liebe aufzuopfern, ist unbewusst an Bedingungen geknüpft. Wir wollen doch alle geliebt werden, am liebsten so, wie wir sind. Das veranlasst uns dazu, Dinge zu tun, die wir eigentlich gar nicht tun wollen. Ganz tief in unserem Inneren schwingt die Sorge mit, dass wir möglicherweise nicht mehr geliebt werden, dass wir abgelehnt werden, wenn wir den Liebsten nicht unter die Arme greifen. Sich aus Liebe aufzuopfern beruht immer auf Ängsten. Es ist keine wertfreie Liebe, sondern an eine Bedingung geknüpft: „Wenn,… dann… hast du mich lieb, nimmst mich an, …!“

Zu lieben, aus Liebe etwas zu tun oder nicht zu tun, ist eng an Dankbarkeit, Demut, Selbstakzeptanz und Mut gekoppelt, ohne Regeln und ohne Bedingungen.

Um die Grenze zwischen einem wirklichen Liebesdienst und einer Aufopferung zu finden, bedarf es, diese bewusst gesetzten Bedingungen an die Liebe zu hinterfragen. Um wirklich frei unseren Weg durch die Wechseljahre zu gehen, dürfen wir all diese Begrenzungen loslassen, alle Regeln für die Liebe umstoßen und Liebe einfach fließen lassen.

Das geschieht jedoch erst, wenn wir uns selbst so annehmen können, wie wir sind, zu unseren Entscheidungen stehen, ohne Wenn und Aber, dankbar sind für das was ist, den Mut haben uns verletzlich zu zeigen, unsere eigenen Ängste annehmen und vieles mehr.

Und damit bedingt die Liebe das Ende des Kämpfens, ein Ende der Widerstände und der Opferhaltung. Die Grenze verläuft dort, wo es „frei fließt“, offen – ehrlich – direkt!

VOLL50: Wie fängt frau mit voll50 ihren kreativen Geist ein?

Hildegard Aman-Habacht: Der Ausdruck der eigenen Bedürfnisse und Wünsche, gepaart mit einem authentischen Leben voller Leidenschaft, bringt der Frau in den Wechseljahren ihre Kreativität näher. Dazu bedarf es die Rollen, die nicht mehr zu ihr passen, jeden Tag etwas mehr zu entdecken, und sie mehr und mehr loszulassen.

Oft sind wir Frauen Voll50 zugemüllt mit Selbstkritik und Wutemotionen, Unausgesprochenem die uns Kraft, Energie und den Zugang zu unserer Kreativität rauben. Reflexion, Arbeit an sich selbst, Weiterentwicklung, Öffnung für spirituelle Ansätze bringen uns wieder in Verbindung mit unserer Einzigartigkeit, unserem Potential, unseren Fähigkeiten und unserer Leidenschaft.

Dann ist es Zeit sich Raum zu nehmen, um den Träumen und Ideen Gestalt und Ausdruck zu verleihen. Doch auch dazu braucht es Mut, denn es zieht oft eklatante Veränderungen mit sich. Der kreative Geist der Wechseljahre schenkt der Frau Voll50 all die Energie, die Kraft und das Vertrauen die es für diesen wichtigen Schritt braucht.

VOLL50: Was ist die Sonnenseite von Resignation?

Hildegard Aman-Habacht: Resignation führt uns tief hinab in die dunkelste Ecke unserer Seele. Traurigkeit, Melancholie, Frustration und vielleicht auch ein bisschen Wut formieren sich. Viele Frauen in den Wechseljahren leiden, im wahrsten Sinn des Wortes unter Depression und Resignation. Tagelang verschanzen sie sich in ihrer Einsamkeit, ihrer Schwermut und ihrem Weltschmerz. Schaffen sie es jedoch, diese Qualität für sich zu nützen, so schöpfen sie schlussendlich genau daraus die Energie, um wie der Phönix aus der Asche wieder aufzuerstehen. Frau Voll50 kann aus Resignation eine enorme Kraft mitnehmen, um tief in ihre Kreativität einzutauchen und Inspirationen, Visionen und Ideen für einen Neustart hervorzubringen. Es ist tatsächlich eine Veredelung, für die frau zuerst tief in sich gehen darf, bis an die Grenzen ihrer Seele.

www.meine-wechseljahre.com

„Gelassen, ohne dabei aggressiv zu werden“

Undiplomatisch nimmt sich Doris Wild die Freiheit, die sie braucht. Und geht ihren Weg mit viel Visionskraft, die sie aus dem Spielplatz Welt zieht.

VOLL50: Sind Frauen in unserem Alter gesellschaftliche Außenseiter?

Doris Wild: Die Frage gefällt mir. Schnell beantwortet „ja“, weil Du nirgends mehr wirklich dabei bist. Im Job tut man sich echt schwer, obwohl es momentan leichter ist, weil die Arbeitgeber jeden nehmen. Ein Beispiel: Während der Corona-Zeit habe ich mir überlegt, was ich tun könnte, weil alles, was ich kann, nicht mehr gefragt war. Ich habe Gerüstbau immer schon cool gefunden und zu meinem Freund gesagt, dass ich bei einem Unternehmen anfragen könnte. Da meinte er: „Du spinnst! Die nehmen bestimmt keine 50jährigen und schon gar keine Frau.“ Im Grunde erfülle ich aber alle Bedingungen. Ich habe Kondition, bin sportlich, kann gut klettern, habe keine Höhenangst. Und ich finde es lustig. Trotzdem habe ich mir gedacht, dass es nicht sein kann, dass man aufgrund des Alters und des Geschlechts aussortiert wird. Und an eine Supermarktkasse wollte ich mich wirklich nicht setzen, denn das wäre eine der wenigen Möglichkeiten gewesen. Die Idee habe ich aber dann aufgrund von ein, zwei Jobs in meiner Domäne fallengelassen. Aber vielleicht kriege ich ja einmal das Angebot, Gerüstbau einen Tag lang ausprobieren zu können.

Privat erlebe ich das nicht, weil ich einen festen Freund habe. Ich bin ja quasi nicht auf der Suche und muss nichts suchen, um nichts buhlen muss. Ich erlebe das Außenseitertum nur beruflich.

VOLL50: Wie kann frau mit voll50 empathisch sagen, dass man seine Freiheit braucht?

Doris Wild: Das ist nicht altersabhängig. Dass ich meine Freiheit brauche, habe ich immer und in jeder Sekunde gesagt. Ich brauche ganz, ganz, ganz viel Freiheit. Und alle rings um mich herum leiden darunter, aber ich nehme sie mir trotzdem. Ich mache mir keine Gedanken, wie ich das empathisch sagen könnte, sondern tue es einfach. Das war immer schon so. Ich renne jeden Tag gegen die Mauer wie früher, ich ecke jeden Tag an wie früher und bin genauso undiplomatisch wie früher. Das einzige, was sich verändert hat: Heute weiß ich, dass es unklug ist, und damals habe ich mir nichts dabei gedacht. Und obwohl ich mir etwas dabei denke, tue ich es trotzdem.

VOLL50: Was kann man einem Sturm der Emotionen entgegensetzen?

Doris Wild: Zurücklehnen, nicht ankommen lassen bei einem selbst. Das hat sich mit zunehmendem Alter gebessert. Wenn jemand völlig aufgelöst auf mich zukommt oder mich in den ärgsten Tönen beschimpft, wäre ich früher sofort eingestiegen und hätte dagegen gehalten. Jetzt schaffe ich es meistens schon, dass ich mich zurücklege und mir denke, dass es nicht so schlimm ist. Eigentlich berührt es mich gar nicht mehr so. Und ich selber kann man auch nicht mehr so in Dinge hineinsteigern wie früher. Also in die negativen. In die positiven Dinge kann ich das nach wie vor. Ich weiß nicht, ob ich da klüger geworden bin. Auf jeden Fall fühle ich mich nicht mehr so schnell angegriffen. Ich war ja früher extrem agressiv und streitsüchtig und habe jeden bildlich gesprochen gleich gebissen, der mir mit leichten Emotionen kam. Jetzt überlebt das Gegenüber. Ich sehe es gelassener, obwohl ich dieses Wort früher gehasst habe. Ich kann mich noch an ein Gelassenheitstraining erinnern und allein dieser Titel hat mich auf die Palme gebracht. Damals habe ich mir gedacht: „Das will ich nicht, das brauche ich nicht, so will ich nie werden.“ Für mich war es damals das Schlimmste, wenn man nichts mehr spürt, keine Gefühle zurückgeben kann. Und jetzt bin würde ich sagen, dass ich gelassener bin. Und ich kann dieses Wort sogar schon aussprechen, ohne dass ich aggressiv werde.

VOLL50: Wie verändern sich mit voll50 die eigenen Visionen?

Doris Wild: Sie verändern sich bei mir im Rhythmus von ungefähr fünf Jahren. Ich habe immer andere Ziele, andere Visionen. Die Grundvisionen und Träume sind immer die gleichen. Manches ist abgehakt, wie gewissen Urlaubsziele oder Jobs. Fernsehredakteurin zu sein, brauche ich nicht. Gehabt, erledigt, danke. Ich habe immer noch eine Million Visionen und Ziele, die ich erreichen möchte. Dafür muss ich sicher noch 200 Jahre leben, um sie umzusetzen. Und jedes Jahr kommen zehn neue Dinge dazu, von denen ich glaube, sie machen zu müssen. Und vieles davon hatte auch mein jüngeres Ich schon, vielleicht nicht zu klar und deutlich, aber doch. Bei mir läuft das Leben total stringent. Wenn ich mich daran erinnere, was ich als Fünfjährige gedacht und getan habe, hat sich das bereits abgezeichnet. Was aus mir wird, wie es wird, was meine Ziele sind, war von der ersten Sekunde an klar, auch wenn es nicht wirklich wahrgenommen und ernst genommen wurde. Und ich selbst habe es bis 20 noch gar nicht gecheckt, dass es so läuft. Damals habe ich mich noch viel zu sehr beeinflussen lassen. Das gibt es jetzt nicht mehr. Da kann jeder sagen, dass es Scheiße ist, dass ich es nicht kann – ist mir wurscht und mache es trotzdem. Und das gilt auch für „Dafür bist Du zu alt.“ Ab 50 wird es dann ganz schlimm. Aber solange ich Spaß bei etwas habe, mache ich’s einfach.

Es ist eine Frage der Zielgruppe, weil ja die anderen immer schubladisieren. Ich bin ja nicht die typische 50jährige, visuell sowieso nicht und von den Interessen nur bedingt. Was macht man mit so einer 50jährigen? Die Werbezielgruppe geht bis 49, und ich bin eigentlich genau die typische Vertreterin dieser Zielgruppe, der ich altersmäßig nicht mehr entspreche. Das war für mich ein Frust, dass ich irgendwann einmal nicht mehr zu meiner Zielgruppe gehört habe. Ausrangiert.

Insofern kann einfach keine Schublade dafür geöffnet werden. Meine Vision ist, dass meine Schublade trotzdem geöffnet wird, weil andere auch erkennen, die ähnlich ticken, dass wir etwas tun müssen, um gesehen zu bleiben.

VOLL50: Was stärkt die Lust auf Abenteuer?

Doris Wild: Phantasie, Kreativität, jeden Tag Inputs von anderen, die mich inspirieren. Dinge, die ich wahrnehme. Bei mir ist die ganze Welt ein großer Spielplatz. Abenteuer ist da, man muss es nur aufheben. Aber anfangen sollte man damit früh. Wenn ich Mütter auf Spielplätzen beobachte, schauen sie ihren Kindern beim Spielen zu. Besser wäre, sie würden mit ihren Kindern spielen. Dieses Mitspielen darf man sich nicht austreiben lassen. Das ist bei ganz vielen Menschen aktuell das Problem. Dass sie sich komisch vorkommen, wenn sie Dinge spielerisch erarbeiten sollen oder an sie spielerisch herangehen sollen.

www.wildbild.at

„Werde oft von meiner Unberechenbarkeit überrumpelt“

Man hat nichts zu verlieren, wenn man mit voll50 Mut beweist. Eines allerdings sollte man keinesfalls tun: Gleichgültigkeit zur Tugend erheben, sagt Angelina Pucher.

VOLL50: Wann schließt es sich nicht aus, unberechenbar und gleichzeitig planungsfähig zu sein?

Angelina Pucher: Ein freier Mensch ist für andere immer unberechenbar und fast eine Zumutung. Die Natur ist immer unberechenbar und doch gleichzeitig planungsfähig. Irgendwann kommt der Frühling, der Sommer, der Herbst und der Winter. Planbar, dass die Bäume im Frühling blühen, um im Herbst Früchte zu tragen. Unberechenbar das Wetter, das Blüten erfrieren oder erblühen lässt…. Ich selbst werde oft von meiner Unberechenbarkeit überrumpelt. Aber wenn Kinder oder Tiere oder manche Menschen mich brauchen, so bin ich voll planungsfähig und bleibe dennoch unberechenbar, weil es viele Möglichkeiten gibt, eine Aufgabe zu lösen, wenn man sich die Freiheit erlaubt, schnell auf die Situation zu reagieren und zu handeln, mit bestem Wissen und Gewissen.

VOLL50: Wie hoch darf der Mut fliegen mit Voll 50 ?

Angelina Pucher: Sehr hoch, denn was hat man zu verlieren? Mit Mut kann nur gewonnen werden. Der Mut sich selbst zu sein, mit graumelierten Strähnen, ein paar Pfunden zu viel auf den Rippen, einer Zahnlücke, ungeputzen Fenstern, weil anderes wichtiger ist, den Mut zu seinen „Fehlern“ zu stehen. Den Mut zu tun, was gerade für einen richtig ist, den Mut zu sagen, was man denkt – auch wenn man dadurch zum Außenseiter wird und angekreidet. Zivilcourage zu zeigen ist ebenso Mut, wie vehement für eine Sache eintreten, bis sie durchgeboxt ist. Es gehört auch Mut dazu, deutlich Nein zu sagen und zu seinem Standpunkt zu stehen.

VOLL50: Kann Gleichgültigkeit zur Tugend werden?

Angelina Pucher: Gleichgültigkeit darf nie zur Tugend werden. Menschen, die einem anderen gleichgültig sind, sind ja fast schon wie gestorben. Und der Mensch, dem alles gleichgültig ist, ist in meinen Augen ein sehr armer Mensch, der sich nicht mehr berühren lässt, im Innen und im Außen. Gelassenheit kann zur Tugend werden, aber niemals Gleichgültigkeit.

VOLL50: Fällt Anpassungsfähigkeit mit Voll 50 leichter oder schwerer?

Angelina Pucher: Anpassungsfähigkeit an die Rhythmen der Natur sind mir immer leicht gefallen, weil ich dadurch ein Teil eines Ganzen bin. Anpassungsfähigkeit an ein Gesellschaftsbild, um zu entsprechen, wie „man“ mich haben will, ist mir nie wirklich gelungen. Wenn ich es versucht habe, so habe ich mich schnell verloren und so manche Krankheit hat mich dann auf meinen Weg zurück geführt. Für mich als Menschen mit „Eigensinn“ war und ist Anpassungsfähigkeit an die Normen einer Gesellschaft immer schwer und wird mit Voll 50 definitiv nicht leichter. Muss ich aber auch nicht!

VOLL50: Worauf lohnt es sich zu warten?

Angelina Pucher: Warten hört sich ein bisschen an wie vertane Zeit. Wenn ich irgendwo warten muss, dann hab ich immer ein Buch dabei zum Schreiben oder Lesen. Aber es lohnt sich für mich, mich freudig erwartend in die Zeit zu träumen, wo meine Bücher verlegt werden und ich Geld mit dem Schreiben verdienen kann, ohne dabei meine Freiheit und heilige Ruhe in meinen geliebten Bergen zu verlieren. Und ich harre erwartungsfroh dem Tag entgegen, wo sich ein Regisseur findet, um das Leben der magersüchtigen angepassten Schülerin, Studentin, wild entschlossenen Freiheitskämpferin, Umweltschützerin, Auswanderin, der genesenen Sennerin, Mutter, Vollblutbäuerin, Autorin, Fotografin, Tänzerin, Krebspatientin, Ehebrecherin, Großmutter, Jägerin, …….. zu verfilmen.

www.sturm-archehof.at

Die Königin wirft keine Perlen vor die Säue

Die Gesetze einer Voll50-Frau kennt Gabriele Güntert aus dem Effeff. Deshalb plädiert sie dafür, endlich als „noble role models“ in Erscheinung zu treten.

VOLL50: Welche (unsichtbaren) Gesetze sollte frau mit voll50 intus haben?

Gabriele Güntert:

…die Gesetze von Mutter Erde, vor allem: wir sind alle eins!

…das 50+ Gesetz: „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s völlig ungeniert“,

…das Gesetz, dass die 5. Jahreszeit, der Altweibersommer, kein Schimpfwort, sondern in Wirklichkeit unsere Zeit, nämlich die Zeit der hohen/weisen Frauen ist;

…das Gesetz der NO BRA Bewegung, welches die Wirkung von BHs anzweifelt 

…das Gesetz über die fünf Denkdisziplinen, aus denen sich unsere innere Führung zusammensetzt: Inspiration, Intuition, Herzintelligenz, Ratio und Absicht (Vivien Dittmar) und, am Wichtigsten:

… whatever the problem, community is the answer (Margaret Wheatley)

VOLL50: Wann ist es g’scheit, den Verstand zu analysieren?

Gabriele Güntert: Den Verstand zu analysieren ist immer g‘scheit – dann merken wir nämlich, dass wir gar nicht unser Verstand sind, sondern dieser lediglich ausspuckt, was wir zutiefst ersehnen oder fürchten oder manchmal beides. Dann merken wir außerdem, dass dies oft genug bloß unser monkey mind ist, der da in uns rumhüpft und uns ver-rückt macht und uns vorgaukelt, unsere oberste Instanz zu sein. …if you end up with a boring miserable life because you listened to your monkey minds in your head (teachers, parents, priests….) telling you how to do your life, then you deserve it (frei nach Frank Zappa). Also: knips an das Licht, schau genau bis in die dunkelsten Ecken deines Gehirnes und verjage, was da drinsitzt und dir nicht guttut!

VOLL50: Wie lässt man mit voll50 am elegantesten die Noblesse durchscheinen?

Gabriele Güntert: Noblesse, also von adeligem Blut sein – nun, unser Monatsblut ist ja schon an sich adelig, ist es doch unsere zutiefst ehrenvolle Gabe, Leben schenken zu können. So sind wir Frauen also von Natur aus adelig! Leider ist uns allen das ziemlich abtrainiert worden, und wir haben gelernt, es zu verstecken – nicht nur unser Blut, auch unsere Kraft. Mit voll50, wenn das Monatsblut vergeht, darf sich die reife Königin in uns erheben, denn wir sind aufgerufen als noble role models mutig voranzugehen und vorzuleben, was Frausein 2.0 bedeuten kann. Und das kann auch mal ganz unnobel sei. Also: kein elegantes „Durchscheinen“, sondern ein lebhaftes kräftiges Lebenszeichen setzen, denn das braucht unsere Welt heute mehr denn je!

VOLL50: Welchen Unterschied gibt es zwischen Präsenz und Aufmerksamkeit?

Gabriele Güntert: Präsenz – da bin ich ganz da, voll in mir und voll im außen, da bin ich in meiner Power und spüre mich ganz, von den Zehen bis in die Haarwurzeln, da bin ich authentisch und weiß intuitiv, was ansteht, was gebraucht wird, was ich geben kann und will. Da weiß ich ganz intuitiv, welche ich bin und welche ich sein und werden will, da gibt’s kein ‚Vielleicht‘, sondern nur ein ‚Leben ist jetzt und jetzt und jetzt‘, und das strahle ich mit meinem ganzen Wesen aus. Aufmerksamkeit ist stiller, ich merke auf – ich be-achte, ich lenke meine Wahrnehmung auf einen Menschen, ein Ding, eine Situation, ein Gefühl. Ich konzentriere mich für eine bestimmte Zeit auf etwas und schenke dem meine Hin-wendung; dies kann nach innen gerichtet sein oder nach außen, es kann mich entspannen, langweilen, inspirieren, erfreuen, ängstigen ….. es macht etwas mit mir, bis ich meine Aufmerksamkeit wie einen Scheinwerfer auf etwas anderes richte.

Meine Präsenz, das bin zutiefst ICH und sie beinhaltet meine Geschenke für die Welt, meine Aufmerksamkeit ist ein Energiestrom den ich etwas oder jemandem zufließen lasse.

VOLL50: Wem entzieht man mit voll50 am besten beides?

Gabriele Güntert: Meine Präsenz jenen Menschen, die dieser nicht würdig sind, weil sie achtlos und unwertschätzend mit mir umgehen, mich benützen, ausnützen. Meine Aufmerksamkeit Menschen, die diese aufsaugen wie ein Schwamm, ohne daraus irgendeine Entwicklung für sich zu kreieren sowie Dingen/Situationen, die ich nicht beeinflussen kann, wo meine Aufmerksamkeit sich wie ein Bumerang ins Negative kehrt und mich mit sich runterzieht.

Die Königin lädt ein, sie bettelt nicht und wirft keine Perlen vor Säue. Sie weiß, wann es Zeit ist zu gehen, weil alles andere vergebene Liebesmühe wäre.

Kontakt: gabriele. guentert@sol.at

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