„Gelassen, ohne dabei aggressiv zu werden“

Undiplomatisch nimmt sich Doris Wild die Freiheit, die sie braucht. Und geht ihren Weg mit viel Visionskraft, die sie aus dem Spielplatz Welt zieht.

VOLL50: Sind Frauen in unserem Alter gesellschaftliche Außenseiter?

Doris Wild: Die Frage gefällt mir. Schnell beantwortet „ja“, weil Du nirgends mehr wirklich dabei bist. Im Job tut man sich echt schwer, obwohl es momentan leichter ist, weil die Arbeitgeber jeden nehmen. Ein Beispiel: Während der Corona-Zeit habe ich mir überlegt, was ich tun könnte, weil alles, was ich kann, nicht mehr gefragt war. Ich habe Gerüstbau immer schon cool gefunden und zu meinem Freund gesagt, dass ich bei einem Unternehmen anfragen könnte. Da meinte er: „Du spinnst! Die nehmen bestimmt keine 50jährigen und schon gar keine Frau.“ Im Grunde erfülle ich aber alle Bedingungen. Ich habe Kondition, bin sportlich, kann gut klettern, habe keine Höhenangst. Und ich finde es lustig. Trotzdem habe ich mir gedacht, dass es nicht sein kann, dass man aufgrund des Alters und des Geschlechts aussortiert wird. Und an eine Supermarktkasse wollte ich mich wirklich nicht setzen, denn das wäre eine der wenigen Möglichkeiten gewesen. Die Idee habe ich aber dann aufgrund von ein, zwei Jobs in meiner Domäne fallengelassen. Aber vielleicht kriege ich ja einmal das Angebot, Gerüstbau einen Tag lang ausprobieren zu können.

Privat erlebe ich das nicht, weil ich einen festen Freund habe. Ich bin ja quasi nicht auf der Suche und muss nichts suchen, um nichts buhlen muss. Ich erlebe das Außenseitertum nur beruflich.

VOLL50: Wie kann frau mit voll50 empathisch sagen, dass man seine Freiheit braucht?

Doris Wild: Das ist nicht altersabhängig. Dass ich meine Freiheit brauche, habe ich immer und in jeder Sekunde gesagt. Ich brauche ganz, ganz, ganz viel Freiheit. Und alle rings um mich herum leiden darunter, aber ich nehme sie mir trotzdem. Ich mache mir keine Gedanken, wie ich das empathisch sagen könnte, sondern tue es einfach. Das war immer schon so. Ich renne jeden Tag gegen die Mauer wie früher, ich ecke jeden Tag an wie früher und bin genauso undiplomatisch wie früher. Das einzige, was sich verändert hat: Heute weiß ich, dass es unklug ist, und damals habe ich mir nichts dabei gedacht. Und obwohl ich mir etwas dabei denke, tue ich es trotzdem.

VOLL50: Was kann man einem Sturm der Emotionen entgegensetzen?

Doris Wild: Zurücklehnen, nicht ankommen lassen bei einem selbst. Das hat sich mit zunehmendem Alter gebessert. Wenn jemand völlig aufgelöst auf mich zukommt oder mich in den ärgsten Tönen beschimpft, wäre ich früher sofort eingestiegen und hätte dagegen gehalten. Jetzt schaffe ich es meistens schon, dass ich mich zurücklege und mir denke, dass es nicht so schlimm ist. Eigentlich berührt es mich gar nicht mehr so. Und ich selber kann man auch nicht mehr so in Dinge hineinsteigern wie früher. Also in die negativen. In die positiven Dinge kann ich das nach wie vor. Ich weiß nicht, ob ich da klüger geworden bin. Auf jeden Fall fühle ich mich nicht mehr so schnell angegriffen. Ich war ja früher extrem agressiv und streitsüchtig und habe jeden bildlich gesprochen gleich gebissen, der mir mit leichten Emotionen kam. Jetzt überlebt das Gegenüber. Ich sehe es gelassener, obwohl ich dieses Wort früher gehasst habe. Ich kann mich noch an ein Gelassenheitstraining erinnern und allein dieser Titel hat mich auf die Palme gebracht. Damals habe ich mir gedacht: „Das will ich nicht, das brauche ich nicht, so will ich nie werden.“ Für mich war es damals das Schlimmste, wenn man nichts mehr spürt, keine Gefühle zurückgeben kann. Und jetzt bin würde ich sagen, dass ich gelassener bin. Und ich kann dieses Wort sogar schon aussprechen, ohne dass ich aggressiv werde.

VOLL50: Wie verändern sich mit voll50 die eigenen Visionen?

Doris Wild: Sie verändern sich bei mir im Rhythmus von ungefähr fünf Jahren. Ich habe immer andere Ziele, andere Visionen. Die Grundvisionen und Träume sind immer die gleichen. Manches ist abgehakt, wie gewissen Urlaubsziele oder Jobs. Fernsehredakteurin zu sein, brauche ich nicht. Gehabt, erledigt, danke. Ich habe immer noch eine Million Visionen und Ziele, die ich erreichen möchte. Dafür muss ich sicher noch 200 Jahre leben, um sie umzusetzen. Und jedes Jahr kommen zehn neue Dinge dazu, von denen ich glaube, sie machen zu müssen. Und vieles davon hatte auch mein jüngeres Ich schon, vielleicht nicht zu klar und deutlich, aber doch. Bei mir läuft das Leben total stringent. Wenn ich mich daran erinnere, was ich als Fünfjährige gedacht und getan habe, hat sich das bereits abgezeichnet. Was aus mir wird, wie es wird, was meine Ziele sind, war von der ersten Sekunde an klar, auch wenn es nicht wirklich wahrgenommen und ernst genommen wurde. Und ich selbst habe es bis 20 noch gar nicht gecheckt, dass es so läuft. Damals habe ich mich noch viel zu sehr beeinflussen lassen. Das gibt es jetzt nicht mehr. Da kann jeder sagen, dass es Scheiße ist, dass ich es nicht kann – ist mir wurscht und mache es trotzdem. Und das gilt auch für „Dafür bist Du zu alt.“ Ab 50 wird es dann ganz schlimm. Aber solange ich Spaß bei etwas habe, mache ich’s einfach.

Es ist eine Frage der Zielgruppe, weil ja die anderen immer schubladisieren. Ich bin ja nicht die typische 50jährige, visuell sowieso nicht und von den Interessen nur bedingt. Was macht man mit so einer 50jährigen? Die Werbezielgruppe geht bis 49, und ich bin eigentlich genau die typische Vertreterin dieser Zielgruppe, der ich altersmäßig nicht mehr entspreche. Das war für mich ein Frust, dass ich irgendwann einmal nicht mehr zu meiner Zielgruppe gehört habe. Ausrangiert.

Insofern kann einfach keine Schublade dafür geöffnet werden. Meine Vision ist, dass meine Schublade trotzdem geöffnet wird, weil andere auch erkennen, die ähnlich ticken, dass wir etwas tun müssen, um gesehen zu bleiben.

VOLL50: Was stärkt die Lust auf Abenteuer?

Doris Wild: Phantasie, Kreativität, jeden Tag Inputs von anderen, die mich inspirieren. Dinge, die ich wahrnehme. Bei mir ist die ganze Welt ein großer Spielplatz. Abenteuer ist da, man muss es nur aufheben. Aber anfangen sollte man damit früh. Wenn ich Mütter auf Spielplätzen beobachte, schauen sie ihren Kindern beim Spielen zu. Besser wäre, sie würden mit ihren Kindern spielen. Dieses Mitspielen darf man sich nicht austreiben lassen. Das ist bei ganz vielen Menschen aktuell das Problem. Dass sie sich komisch vorkommen, wenn sie Dinge spielerisch erarbeiten sollen oder an sie spielerisch herangehen sollen.

www.wildbild.at

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