„Man kann sich beteiligen oder man rollt einfach davon“

Die Krankenschwester Eva-Maria Kreuzberger-Stickler steckt mittendrin in einer sinnlichen Veränderung. Dabei genießt sie es, aus dem Topf der Erfahrungen zu naschen. Sie helfen ihr, vieles neu zu definieren.

Wann konntest du das erste Mal „alle Fünfe grade“ sein lassen?

Das weiß ich weiß nicht mehr. Da ich nicht zum Perfektionismus neige und auch kein planungswütiger Typ bin, fällt es mir leicht, alles liegen und stehen zu lassen. Insofern: Spontane Pausen, ein Gläschen Wein und wertvolle Gespräche plus Spaziergang (hat mich mein Hund gelehrt) werden jederzeit Raum und Zeit haben!

Hat sich Dein sinnliches Empfinden mit Voll50 verändert?

Ich bin mitten drin in der sinnlichen Veränderung. Ich schöpfe aus einem Topf wertvoller, witziger, schräger, peinlicher Situationen jeglicher Art. Ich mag meine Stärken und Schwächen. Ich habe erkannt, wie wertvoll und schön mein Körper ist. Meine Lebensumgebung erkenne ich nicht mehr als „Beweise-Dich-Situation“ an, daher bleibt wertvolle Zeit für Sinnlichkeit jeglicher Art. Für mich war obligat, auf die Bremse zu steigen und meine Lebensgeschwindigkeit auf ein gemütliches Tempo zu verlangsamen. Jetzt war wirkliches, sinnliches Wahrnehmen möglich! Das betrifft besonders den Sinn der genussvollen Nahrungsaufnahme. Vor einigen Jahren habe ich täglich für die gesamte Familie gekocht. Jetzt sind alle Kinder flügge geworden, und nur mein Mann und ich bevölkern noch unsere gemütliche Küche. Wir suchen nach Rezepten, bereiten die Köstlichkeiten selber zu, Essen und Trinken an einem schön gedeckten Tisch. Kerzenschein darf nicht fehlen. Da entdeckt man auch den eigenen Mann wieder mit allen Sinnen!

Welche Situation kannst Du Dir vorstellen, in der Du es genießen könntest, das fünfte Rad am Wagen zu sein?

(lacht) 20 Jahre in einer Patchworkfamilie zu leben – da ist mir dieses „Fünfte-Rad-am-Wagen-Gefühl“ gut bekannt. Deine Kinder, meine Kinder, Deine Regeln, meine Regeln, zu viele selbsternannte Spezialisten in Sachen Patchwork, die versuchen „mitzuhelfen“. Wir waren als Gesamtkunstwerk acht Personen und Hund – ich habe wahrgenommen, dass jedes Familienmitglied dieses „Fünfte-Rad-am-Wagen-Gefühl“ kennen lernen durfte, sogar der Hund. Nichtsdestotrotz: Viele Jahre empfand ich dieses Gefühl als unangenehm. Das veränderte sich, denn mittlerweile genieße ich die Freiheit, die sich aus dieser speziellen Position ergibt, denn falls das Reserverad doch nochmal wichtig wird, hat man ja die Wahl. Man kann sich beteiligen, oder man rollt einfach davon!

Wie hat sich Deine Einstellung zur Liebe mit Voll50 entwickelt?

Im Laufe meiner Entwicklung zum Frausein fand ich den Weg weg von „Cowboy-Beziehungen“ hin zu einem starken Gefühl der Zuneigung zu mir nahestehenden Menschen. Ich durfte in jungen Jahren die Mutterliebe zu meinen Söhnen erfahren. Ich habe für die beiden vieles getan, was ich für keinen anderen Menschen auf mich nehmen würde.

Meine Liebe weitete sich durch das Einlassen auf das Abenteuer „Patchworkfamily“.  In diesen Lebensjahrzehnten fühlte sich meine Liebe und Zuneigung auf die Familie fokussiert (gebündelt) an. Jetzt mit voll50 wird meine Liebe umfassender – die Liebesschwingungen tanzen mal stürmisch, mal sanft, und sie verteilen sich auf Menschen, Tiere, Pflanzen – aufs Tun und Dasein. Viele wertvolle Wesen, aber auch Hürden wurden mir als Lehren zur Seite gestellt. Mehrmals bin ich gestrauchelt, habe Rückschläge in Kauf genommen, Verletzungen erlitten. All die bewältigten Krisen waren Anlass, mich weiterentwickeln zu können, verzeihen zu lernen, Werte zu leben, das Beste aus der gegebenen Situation zu machen, den dynamischen Prozess des Lebens zu erkennen. Ich hoffe auf eine nie endende Entwicklung dieses Tanzes der Liebe. Manchmal versuche ich meinen Kindern und Enkeln zu erklären wie toll das mit mir, im hohen Alter, noch werden wird! „Alles gut, Mama“, ist die liebevolle Antwort.

Woran erkennst Du, dass ein Mensch offen ist für neue Erfahrungen?

„Wenn Menschen einander aktiv zuhören und Interesse am Gegenüber zeigen, beginnt schon die Offenheit für neue Erfahrungen. Wenn sich Mitmenschen in neue Heldengeschichten begeben, ohne Sicherheitsnetz und sich nicht von hohen Wellen und Gegenwind beeinflussen lassen. Wenn ich in Wort und Tat spüre, dass Verzeihen möglich wird.

Wenn ich in meinem Beruf als Krankenschwester erlebe, dass Menschen aufgrund von physischen und/oder psychischen Erkrankungen an die Grenzen des Lebens geführt werden. Die meisten von ihnen fassen den Entschluss, sich der Situation zu stellen, die neue Lebenssituation zuzulassen, Regeln und Normen über Bord zu werfen, zu kämpfen, Beziehungen zu vertiefen oder zu beenden. Manche von ihnen darf ich auf diesem Weg begleiten. Dabei ist natürlich Voraussetzung, dass ich selbst offen für neue Erfahrungen bin!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.