„Willen zurückstecken, aber immer in Freiwilligkeit und in Bewusstheit“

Fotocredit: GABRIELE SCHWAB https://www.lightup-photography.com/

Claudia Lämmermayer ist viele Umwege gegangen und dadurch in ihre Kraft gekommen. Nicht zuletzt deshalb plädiert sie für ein neues Selbstbild der „alten, weisen, und sinnlichen“ Frau, das sehr bunt sein darf.

VOLL50: Wie aktiviert man sich mit „voll50“, wenn man einmal gaaaaar nicht mag?

Claudia Lämmermeyer: Gaaaaar nicht mehr! Entweder ich mache was gerne oder gar nicht. Ich habe in meinem Leben mit viel Mühe und Reflexion erreicht, das ich jetzt mit fast 60 auch nicht mehr mögen muss. Meine Vergangenheit war eine Geschichte des „Müssens“. Aufgewachsen bin ich in einer Arbeiterfamilie mit einem gewalttätigen Vater, einer bedürftigen Mutter und einem Nachbarn, der mich vom 6. Lebensjahr an sexuell missbrauchte. Da war es für mich überlebensnotwendig, nicht zu fühlen und immer zu mögen! Mein unerschütterlicher Glaube an Entwicklung, unzählige Therapiestunden, meine gute Anbindung an die Welt des Spirituellen, wunderbare Menschen und das Leben an sich haben mich heil gemacht. Es war ein langer Weg. Zuerst ging es darum, die eigenen Wünsche erst mal zu fühlen und dann auch noch sie umzusetzen. Da waren schon auch einige Umwege dabei.

Jetzt bin ich in der glücklichen Lage, dass ich mich zu nichts mehr aktivieren muss. Natürlich brauchen die Notwendigkeiten des Lebens, wie zum Beispiel die Buchhaltung oder die Katzenkiste auszuräumen, etwas Disziplin, aber damit hat es sich auch schon. Das Gefühl von Antriebslosigkeit kenne ich nicht. Ich durfte keine höhere Schule besuchen und bin mit 16 daheim ausgezogen. Jetzt liebe ich es zu lernen und in meinem eigenen Unternehmen DIE Arbeit zu machen, die mir Sinn, Freude und Erfüllung bringt. Meine Umwelt unterstellt mir, dass mein Tag 48 Stunden hätte. Das wäre so genau das Richtige für mich. Und damit ich alle meine Leidenschaften noch unterbringe, habe ich mir vorgenommen, dass ich mindestens guterhalten 100 Jahre alt werde.

VOLL50: Welches „ich bin“ in Deinem Leben mochtest du bislang am liebsten?

Claudia Lämmermeyer: Zu 100 Prozent das jetzige. Denn je reifer ich werde, desto authentischer bin ich, und so wie ich jetzt bin, kann ich mich wirklich gut leiden. Ich genieße dieses ICH BIN im Hier und Jetzt wirklich sehr. Durch meine unendliche Neugier hole ich mir viel Buntheit in mein Leben. Und mit einer gehörigen Portion Humor mache ich auch oft verrückte Dinge. Eine Firma gründen, den LKW-Führerschein machen, griechische Musik singen, alternative Hochzeiten und Taufen zu organisieren, Vulven aus Filz zu nadeln, Märchen zu schreiben und vieles mehr. Auf der Suche nach (m)einer spirituellen Heimat bin ich auch gleich zweimal aus der katholischen Kirche aus- und wieder eingetreten. Würden die Kirchenmänner die Ordination für Frauen erlauben, wäre ich vermutlich auch noch Pfarrerin geworden. Obwohl – als feministische Theologin war es mir schon auch bald klar, dass die eingeschränkte Sichtweise der christlichen Religion zu wenig ist. Ein nur männliches Gottesbild geht gar nicht mehr. Ergänzt durch die matriarchale Spiritualität habe ich jetzt zu einem wirklich feinen Glauben und Vertrauen in die göttlichen Welten gefunden. Das erdet mich, gibt mir Kraft und Liebe! Und vielleicht gründe ich ja noch eine neue Religion – wer weiß? Ich bin in den besten Jahren. Ich erlaube mir auch, täglich zu entscheiden, ob etwas gut für mich ist. Nachzufühlen, ob es lustvoll, sinnvoll ist, ob es Spaß macht, Geld bringt… Diese Freiheit empfinde ich als wirkliches Geschenk. Ich fühle eine große Dankbarkeit für mein jetziges Leben.

Ich bin auch unerschrocken genug, um Ungerechtes anzusprechen und dafür auch aktiv zu werden. Speziell die Lebenswelten und die Ungleichbehandlung der Frau sind mir ein besonderes Anliegen. Das ewige Patriarchat hat hier leider tiefe Spuren hinterlassen.

VOLL50: Inwiefern ist man mit „voll50“ jenseits von Gut und Böse?

Claudia Lämmermeyer: Ich habe gerade mal überlegt, wie du die Frage meinst. Und ich habe mich entschieden, sie für den Bereich der Sexualität zu beantworten. Denn über Sexualität der Frauen wird viel zu wenig gesprochen. Das hat bei uns keine Tradition. Leider! Ich fühle mich sehr sinnlich und genieße und liebe erotisches Tun. Ich habe mich aufgrund meiner traumatischen Missbrauchserfahrungen mit dem Thema sehr lange beschäftigt. Mein Lebensthema war es, darauf zu warten, geliebt zu werden. Aber ich hatte mir Partner und Partnerinnen gesucht, die hier zum Glück nicht mitspielten. Denn dadurch war ich auf mich selbst zurückgeworfen und konnte erst mal die „alten“ Bedürfnisse erkennen und in mir klären. Ich begab mich auf die Suche nach Selbstliebe und Selbstakzeptanz. Es war und ist ein langer Weg! Bei einem ganz guten Pegel an Selbstliebe angekommen, erkannte ich dann auch, dass mir die standardisierte Sexualität in meiner Beziehung keinen Spaß mehr machte. Ich hatte keine Orgasmus-Probleme oder Berührungsängste, aber es passte einfach nicht mehr. Es war dann schon echt ein Ehrlichkeits-Kracher als ich sagte: „Stopp, gerne, aber so nicht“. Mit dieser Klarheit habe ich meinen Partner sehr verschreckt – bis jetzt! Ich liebe meinen Mann, aber das bekommen wir irgendwie gemeinsam nicht auf die Reihe. Vielleicht sind wir da einfach nicht kompatibel? Wir Frauen sollten uns nicht nur mögen oder gut finden, was wir denken und tun. Wir dürfen uns auch körperlich spüren, annehmen und uns selbst erotisch lieben. Ich höre dann oft: „Ach, der Sex ist mir nicht mehr so wichtig, das ist vorbei, das hat keine Bedeutung mehr.“ Aber bitte!!! Wie kann denn die körperliche Erfahrung mit mir selbst keine Bedeutung mehr haben? Ich glaube, das ist ganz viel Vermeidungsverhalten dabei. Es hat halt auch keine Geschichte, dass die Eigensinnlichkeit wirklich Raum haben darf.

Eine ganze Industrie ist darauf ausgerichtet, die „alte“ Frau – jenseits von Gut und Böse nicht alt werden zu lassen und fit zu halten, auf Hometrainer zu setzen, mit Verdauungskapseln zu füllen aber um was zu tun? Zu gefallen? Dem Panikbild der „alten Frau“ entgegenzustehen? Ja – aber warum? Ich denke, es gehört ein neues Selbstbild der „alten, weisen, und sinnlichen“ Frau her, das sehr bunt sein darf.

VOLL50: Wie könnte die ideale Verbindung zwischen Weisheit und Inspiration aussehen und gelebt werden?

Claudia Lämmermeyer: Inspiration ist mein zweiter Vorname – manchmal habe ich zu viel dieser Energie und sprudle über mit neuen Gedanken, neuen Produktideen. Ich bin da wie ein Radio, das auf Empfang steht und über die verschiedenen Kanäle Inputs bekommt. Die Kanäle können die nicht zufälligen Zufälligkeiten sein oder ein göttlicher Download oder ein Buch, eine Begegnung… Inspirationen kommen auf mich zu!

Mit der Weisheit ist es da nicht ganz so einfach. Weisheit wächst im Innen. Das ist nichts, was ich wirklich erlernen könnte. Sie entsteht über meine Erfahrungen. Es hat mich durchs Leben gebeutelt, und wenn ich das Erlebte reflektieren und in ein gutes Leben umändern kann, dann komme ich in die Energie von Weisheit. Aber wer definiert, ob das nun weise ist? Weisheit wird gerne mit dem „Alter“ in Verbindung gebracht. Ich bin jetzt 50+. Bin ich dadurch weise? Was macht mich weise? Ich kenne so viel superbescheuerte 50,60,70+ Menschen, dass ich nicht denke, dass Weisheit mit dem Alter automatisch kommt.

Was mir aber gut gefällt ist das System der Archetypen. Hier beginnt die junge Frau in ihrer weißen Qualität mit der Inspiration, die übernommen wird von der rote Frau der Umsetzung und die in der Blüte ihres Lebens steht. Diese Dreifaltigkeit führt dann über in die weise Alte, die in der letzten Triade reflektiert, zurückschaut, Abschied nimmt… und wieder neu geboren wird in der jungen Frau. Körperlich können wir diesen Zyklus nur einmal machen, aber emotional, in Projekten, in mentalen Angelegenheiten ist das ein wunderbares Kommen-Sein-Vergehen – UND wieder Kommen!

VOLL50: Welche Rolle spielt der eigene Willen mit „voll50“?

Claudia Lämmermeyer: Eine große Rolle. In meiner Jugend war ich nämlich ein willenloses Wechseltierchen. Hatte ich einen Freund mit einem Pferd, fing ich zu reiten an, hatte ich einen belesenen Partner, kaufte ich mir Rilke (ohne ihn zu lesen) und mit meinem Biologen ging ich in den Wald, um Knospen zu bestimmen. War ich bei Diskussionen mit dabei, hielt ich mich vornehm zurück, da ich sehr oft keine Idee hatte, was ich dazu sagen sollte. Es kam in meinem Leben zu allerlei schrägen Entscheidungen. Mit 16 mietete ich ein Abbruchhaus und machte eine WG draus. Mit 17 dachte ich, es wäre cool als Prostituierte zu arbeiten und hatte bereits einen Freund, der mich an seinen Freund „vermieten“ wollte. Dann schlitterte ich mit einem sehr jähzornigen Mann in meine erste Schwangerschaft, um kurz darauf in Wien die Abtreibung durchführen zu lassen. Damals sang ich in einer Country-Band und war ziemlich dynamisch unterwegs. Hättest du mich damals gefragt „Welche Rolle spielt dein eigener Wille!“ wäre meine Antwort gewesen „Ich mache ja eh, was ich will.“ Natürlich spürte ich, dass etwas nicht stimmte, aber es war mir noch nicht möglich, das zu erkennen.

Heute, nach vielen Jahren der Aufarbeitung und Klärung, denke ich zumindest, dass ich in großen Teilen meines Lebens weiß, was ich will, wobei ich bei vielen Entscheidungen sehr unkompliziert bin. Wenn ich allerdings meine Freiheit, Autonomie oder Gleichberechtigung bedroht sehe, dann kommt meine innere Tigerin zum Einsatz, und ich erkläre lautstark, was mein Wunsch, mein Wille ist. Ich kann gut Kompromisse mittragen – besonders wenn sie dem Gemeinwohl dienen. Ich kann geben und meinen Willen zurückstecken, aber das passiert immer in Freiwilligkeit und in Bewusstheit. Es ist ein gutes Gefühl, zu spüren, dass der Wille da ist und gelebt werden kann oder in Freiheit zurückgenommen wird.

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Who cares?

Ich hatte mir viel vorgestellt, meine Phantasie wieder eingefangen und beschlossen, offen zu sein. Dass ich dann diejenige sein würde, die sich zurückhält, war ein Aha-Erlebnis.

Hippiemädchen, Rockerbraut und Rebellin

Wenn wir etwas mit voll50 wissen, dann das: Wir sind viele…Rollen. Susanne Erhardt spricht darüber, aber auch über die positive Rolle des Dramas im Leben und disziplinierte Eigenverantwortung.

VOLL50: Wie kann mit „voll50“ ein kreativer Umgang mit dem Leben aussehen?

Susanne Erhart: Ich denke, es ist hilfreich, wenn man sich über eines im Klaren ist: Nix – aber schon gar nix – is fix. Sich immer wieder überraschen lassen – durchaus auch von sich selber. Offen sein für das, was kommt. Im Heute leben und nix aufschieben. Gespannt & spannend bleiben. Mein Bestes geben und drauf vertrauen, dass es dann schon alles gut sein wird, so, wie es kommt. Oder, wenn es nicht so gut kommt, darauf vertrauen, dass man dann damit umgehen können wird. Sich belohnen, wo immer es geht (extrem wichtig!). Das Alter – diese ominöse, absolut nichtssagende Zahl – nicht als Maßstab und schon gar nicht als Ausrede sehen. Und ganz wichtig: In sich rein fühlen, welcher innere Anteil gerade gehört werden möchte. Und hey, da stecken ja dermaßen viele Facetten in uns großartigen Ü50erinnen: das Mädchen, die junge Frau, die erwachsene (schon fast weise) Frau. Ich persönlich hab dann noch ein Hippiemädchen, eine Unternehmerin, ein Cowgirl, eine Rockerbraut und eine Rebellin in mir drin – aber das ist eine andere Geschichte. Das ist meine Art kreativer Umgang mit dem Leben. Für mich klappt das ganz gut.

VOLL50: Wie gehen Liebe und Freiheit zusammen?

Susanne Erhart: Auch wenn´s manchmal so aussieht, als würden Nähe und Freiheit sich spießen – in einer perfekten Welt gehen die beiden nie ohne einander! Aber welche Welt ist schon immer perfekt. Das Nähe-Enge-Thema wird jedenfalls intensiver. Dem anderen seine Freiheit lassen – aber nicht auf Kosten der eigenen – das ist schon eine hohe Kunst. Irgendwie ist es – je nach Tagesverfassung – ein ständiger Spagat zwischen Nähe und Unabhängigkeit. Zwischen dem Bedürfnis nach Freiheit und dem Wunsch nach dem Zusammen-Altwerden. Dem Bedürfnis nach totaler Verschmelzung und dem nach dem Ausleben von individuellen Interessen. Mal klappt das besser, mal schlechter. Das ist schon okay so.

VOLL50: Wann hört mit „voll50“ die Lust aufs Drama auf?

Susanne Erhart: Mein erster Impuls beim Lesen der Frage? Na hoffentlich nie! Drama Baby!! Weil: Drama kann ja auch durchaus spannend sein– es gibt dem Leben Würze. Aber – und das war der zweite Impuls – ich würde mir die Dramen vielleicht nicht mehr gar so dramatisch wünschen. Wenn´s leicht geht … bitte. Wobei: Die meisten vermeintlich großen Dramen meines Lebens haben sich im Rückblick als unglaubliches Glück und auch als richtungsweisend erwiesen. Auch wenn das erst mal absolut nicht den Anschein hatte. Das Geheimnis ist, den Zeitraum der Rückschau – dem Drama angemessen – lang genug zu wählen. Manchmal braucht es halt auch durchaus ein paar Jahre, bis sich einem der Sinn erschließt. Aber dieses Wissen allein ist schon recht tröstlich, wie ich finde.

VOLL50: Braucht frau für Eigenverantwortlichkeit Disziplin? Und warum (nicht)?

Susanne Erhart: Eines meiner Lieblingsthemen! Ja, es braucht Disziplin. Und zwar jede Menge. Aber sie darf nicht dazu missbraucht werden, ständig über ungesunde Grenzen zu gehen und sich auszubeuten, sondern vielmehr dazu, im Gegenzug wieder herrliche Freiräume zu erschaffen.

Aber auch in anderer Hinsicht beschäftigt mich das Thema Disziplin gerade. Es hat mit der Disziplin meiner Gedanken zu tun. Ich habe mir angewöhnt, immer mehr zu hinterfragen, welche meiner Gedanken förderlich und gut sind. Für mich, aber auch für andere. Das erfordert richtig viel Disziplin – und Ehrlichkeit! Wir denken ja gerne immer wieder mal Dinge, die uns oder auch anderen um uns herum nicht gerecht werden, nicht gut tun, und die uns auch absolut nicht weiter bringen. Auch diese Gedanken-Disziplin gehört für mich zur Eigenverantwortlichkeit. Ich bin darin noch lange nicht perfekt, aber allein die Auseinandersetzung mit diesem Thema verändert meinen Blick auf die Dinge. Macht ihn und somit mich gelassener und mein Urteil milder. Und das schadet keineswegs.

VOLL50: Welches Spiel sollte frau mit „voll50“ auf jeden Fall beherrschen?

Susanne Erhart: Wie war das? „Menschen hören nicht auf zu spielen, weil sie alt werden, sie werden alt, weil sie aufhören zu spielen“.(Oliver Wendell Holmes) Das sagt eigentlich schon alles. Und das kommt mir sehr entgegen, weil das Spielerische aus meinem Leben nicht wegzudenken ist. Es gibt meinem Alltag die erforderliche Leichtigkeit, hilft, die Dinge von ganz vielen Seiten zu betrachten und bringt mich auf manch kreative, durchaus auch unkonventionelle Lösungsidee. Welches Spiel konkret? Das bleibt dann jeder von uns selbst überlassen. Nur aufhören sollte man damit nie.

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„Nicht abhängig zu machen von Meinungen anderer“

Wer sich frei von Prägungen macht, wird mit einer Kaskade von neuen Möglichkeiten belohnt, sagt Marion Falzeder. Ihr jüngstes Abenteuer: das Enkerl.

VOLL50: Wann führt Disziplin automatisch zu Konzentration?

Marion Falzeder: Hm, jetzt sollte ich wohl antworten, dass ich mit 50 natürlich immer diszipliniert bin und über die Jahre gelernt habe, dass Disziplin in manchen Bereichen hilfreich ist. Aber leider bin ich nach 53 Lebensjahren manchmal immer noch bequem, unordentlich oder zu faul, zum Beispiel diszipliniert meinen Kleiderschrank in Ordnung zu halten. Wie das andere schaffen, weiß ich nicht, aber sobald ich ein T-Shirt rausziehe, sind sämtliche andere krumm und schief. Bei meiner Mutter ist immer alles perfekt wie mit dem Lineal gezogen, aber bei mir funktioniert das nicht. Erst wenn ich wirklich etwas fertigbringen muss, ein Termin ansteht oder ein Vortrag zum Abgeben ist, dann werde ich diszipliniert und hochkonzentriert. Ein gewisser Druck muss bei mir vorhanden sein, dann klappt es auch mit beiden 😉. Wie oft ich mir das in meinem Leben schon vorgenommen habe, früher anzufangen, damit ich keinen Stress zum Schluss habe – ich bin in dieser Sache lernresistent. Auch aus der Schulzeit kenne ich das noch sehr gut, am Tag vor der Schularbeit, war ich am konzentriertesten und sehr diszipliniert. Während der Studienzeit war meine Wohnung nie sauberer als vor einer Prüfung … das war mir der Haushalt sogar lieber, als zu lernen. Wenn ich viel zu tun habe und alles fertig werden muss, dann ist meine innere Uhr automatisch auf Frühaufstehen programmiert, und ich bin täglich um spätestens 5.00 Uhr munter. Ich bin ein Morgenmensch und um diese Zeit geht es dann auch am besten mit der Konzentration. Aber wie gesagt, ein bisserl Druck ist nötig.

VOLL50: Wovon sollte frau mit „voll50“ auf keinen Fall abhängig sein?

Marion Falzeder: Für mich war immer klar: Ich möchte nie von einem Mann abhängig sein und mein eigenes Geld verdienen. Viele Jahre am AMS und dann später in der Abteilung für Frauenförderung an der JKU haben das verstärkt. In einer Beziehung ausharren zu müssen, weil es sich finanziell nicht ausgeht, sich zu trennen, möchte ich mir als freiheitsliebenden Menschen nicht vorstellen. Ich hatte das Glück, dass mein Mann meine Lebenspläne immer mitgetragen hat und mich selbstverständlich in der Verwirklichung meiner Wünsche unterstützt hat. Ich habe neben den Kindern zu studieren begonnen, meinen Beamtenjob zu Gunsten einer Veränderung an der Universität Linz aufgegeben und dann nochmals den Sprung in das Ungewisse gewagt, um nur mehr meine Schwimmschule zu managen. Danach folgten noch Ausbildungen in Cranio-Sakraler-Körperarbeit und einer speziellen – auch körperorientierten – Methode zur Bewältigung von Traumata (Somatic Experiencing). Lange war ich in dem Korsett meiner Erziehung verhaftet, dass man einen Beamtenjob nicht aufgeben kann, und ich traute mich nicht, nur daran zu denken, dass mich diese Arbeit nicht mehr glücklich macht. Als ich es endlich gewagt habe, dort zu kündigen, war es eine so große Befreiung, die eine Kaskade an neuen Möglichkeiten losgetreten hat. Ich möchte allen Mut machen, sich nicht abhängig zu machen von Meinungen anderer, von Wertvorstellungen der Familie, sondern auf sein Herz und Bauchgefühl zu hören, was einem gut tut.

Die beiden Ausbildungen zur Körperarbeit haben mir viel geholfen, besser wahrnehmen zu können, wo meine Grenzen sind und was ich verändern muss, um mich wohler zu fühlen. Wenn sich Gelegenheiten bieten im Leben, wo es einen richtig hin sehnt, wo das Herz aufgeht und das Baucherl warm wird, wenn man daran denkt, dann ist es wert, dort näher hinzusehen. Meine Gelegenheitsfenster haben sich weit geöffnet, immer wieder, bis ich mutig genug war, sie wahrzunehmen, und ich bin heute sehr froh darüber, dass ich mich von den Idealen meiner Eltern frei machen konnte.

Ich bin glücklich, meine Talente in den Schwimmkursen mit Babys und Kindern einbringen zu dürfen. Meine Ausbildungen helfen mir, unterstützend in der Bewältigung von Wasserangst zu sein oder Babys einen bessern Start ins Leben zu ermöglichen, wenn Schwangerschaft und Geburt ein traumatisches Erlebnis waren. Das ist sehr erfüllend für mich. Ich kann mir meine Zeit nahezu frei einteilen und bin auch hier weniger abhängig von strikten Zeitkorsetten, was meinem persönlichen Zeitmanagement gut tut. Mit voll50 merke ich nämlich immer mehr, dass ich nicht mehr so schnell bin wie früher, aber auch nicht mehr so schnell sein mag wie früher.

VOLL50: Wofür gibt es Langeweile?

Marion Falzeder: Was ist Langeweile? Schon als Kind war ich eine Leseratte und rundum glücklich, wenn ich in einer Ecke sitzen konnte, um zu lesen. Auch heute ist mein Alltag so ausgefüllt, dass ich Langeweile nicht kenne. Im Gegenteil, ich muss mir Zeitinseln schaffen, damit ich mir auch eine „lange Weile“ an Nichtstun gönne. Diese Zeit brauche ich, um mein Inneres hören zu können. Im Alltag überhöre ich da viel und nehme mir nicht die Zeit, richtig hinzuspüren. Der Körper braucht aber diese Muße-Minuten, um erzählen zu können, was ihn bewegt. Er muss seine Geschichte erzählen dürfen, damit er Stress loswerden kann oder sich negative Erlebnisse auflösen dürfen. Alles, was uns zu schnell, zu intensiv oder zu heftig passiert, wird mit dem Verstand kaum verarbeitet, aber im Körpergedächtnis abgespeichert. Wenn das nicht beachtet wird, können sich verschiedene Symptome entwickeln, körperliche und psychische Probleme können die Folge sein. In der Cranio-Sakralen Körperarbeit und im Somatic Experiencing lehren wir die Menschen, wie wichtig es ist, hinzuhören in den Körper, seinen Geschichten zu lauschen, seiner Ausdrucksmöglichkeit Raum zu geben. Wenn einem langweilig ist, wäre das eine gute Möglichkeit, sich dafür Zeit zu nehmen, um sich was Gutes zu tun. Man glaubt gar nicht, was einem da alles erzählt wird 😉.

VOLL50: Welches Buch sollte man mit „voll50“ unbedingt gelesen haben?

Marion Falzeder: Als Vielleserin gibt es für mich unzählige Bücher, die es wert sind, gelesen zu werden. Es ist aber sehr subjektiv, was gefällt und was nicht. Während ich Krimis liebe (sie dürfen ruhig auch etwas blutrünstig sein 😉), mag das meine Freundin gar nicht. Unbedingt lesenswert ist auf jeden Fall Peter Levines „Sprache ohne Worte“, das mir viele AHA-Erlebnisse und wertvolle Erkenntnisse während meiner Trauma-Ausbildung beschert hat. Sehr inspirierend empfand ich „Briefträgerkind“ von Oskar Kern. Als Manager hat er in diesem Buch seine Lebensweisheiten sehr unterhaltsam zusammengefasst, die er von seinen Eltern gelernt hat. Diese waren Landbriefträger in einer kleinen Gemeinde im Mühlviertel, und deren Erlebnisse haben mich sehr daran erinnert, was auch ich von meinen Großeltern lernen durfte. Ein sehr kurzweilig geschriebenes aber lehrreiches Buch, durch die kurzen Kapitel eine perfekte Bettlektüre.

VOLL50: Wie lange ist dein letztes Abenteuer her?

Marion Falzeder: Mein Mann und ich sind sehr gerne unterwegs, seit einem halben Jahr mit einem alten Wohnmobil. Da wird jede Reise ein kleines Abenteuer, denn irgendwas ist immer, wenn man abseits vom Trubel unterwegs ist. Ein richtig „großes“ Abenteuer haben wir mit den Kindern erlebt, die heute noch davon reden, obwohl es circa zwölf Jahre her ist. Statt Campingurlaub haben wir uns einmal einen All-inklusive-Club in Hurghada (Ägypten) geleistet. Unsere Jungs wollten aber unbedingt die Pyramiden sehen, daher buchten wir eine Fahrt dorthin. Wir wurden um 22.00 Uhr in einem alten klapprigen Bus mit vielen anderen eingesammelt, die ganze Nacht bis nach Kairo gefahren, dort noch in diverse Verkaufsgeschäfte geschleppt, bis wir endlich bei den Pyramiden ankamen. Retour war es wieder ähnlich 😉. Kommen wir jemals an? Hält der Bus das aus? Wird es irgendwo mal eine Toilette geben? Aber wir haben es überstanden, und für die Kinder war es ein richtiges Abenteuer. Die Pyramiden natürlich beeindruckend, wenngleich sie mittlerweile quasi mitten in der Stadt sind und die Verkäufer von Ramsch unglaublich lästig dort sind.

Für mich ganz speziell war die Fahrt vor circa 20 Jahren durch Albanien. Eine Zeitreise zurück in meine Kindheit mit schlechten Straßen, ganzen Familien samt Baby auf dem Moped fahrend und keine Kreditkartenmöglichkeiten. Sehr aufregend, spannend und interessant, da quasi noch kein Tourismus dort war und alles sehr ursprünglich ausgesehen hat! Das neueste Abenteuer, das am 4. Juni gestartet hat, ist die Zukunft als Oma. Durch meine Schwimmschule bin ich die Arbeit mit Kindern gewöhnt, und ich habe auch sehr viel Kontakt zu FreundInnen mit kleinen Kindern. Trotzdem ist das wieder ein neuer Schritt, der aufregend und berührend zugleich ist. Ich freue mich sehr auf diese Zeit und hoffe, eine Oma zu werden, zu der meine Enkelkinder gerne kommen werden.

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„ Als liebender und reflektierter Mensch wirklich sehr gut gelungen“

©Michael Hartl – design foto film

Lebensprüfungen sind für Claudia Kanz ein Auftrag zur eigenen Weiterentwicklung. Und sie tragen dazu bei, neue Wege zu finden und sich selbst zu lieben.

VOLL50: Welchen Stellenwert haben Prüfungen mit voll50?

Claudia Kanz: Prüfungen gibt es ein ganzes Leben lang. Du lernst ja auch ein Leben lang. Das macht es für mich aber auch interessant. Manche Prüfungen suchst du dir aktiv aus, weil du etwas Neues lernen und beweisen willst, dass du es kannst. Und andere Prüfungen stellen sich dir direkt im Leben breitbeinig in den Weg. High noon!

Wir alle sind Beziehungsmenschen, und wenn es gerade auf dieser Ebene knatscht, ist es immer auch eine Prüfung, finde ich. Man lernt viel über sich selbst in der Krise und genauso im Konflikt, und ich sehe Schwierigkeiten, oder das Erlernen neuer Inhalte, Fähigkeiten, Verhaltensweisen immer auch als Lernprozess für mich selbst. Ich schaue mir selbst zu und bewerte und passe meine Strategie an. Manche nennen das reflektiert sein. Aber es ist mehr als das. Für mich bedeutet es, sich selbst auch immer wieder ein anderes Verhalten zu erlauben. Denn das alte Verhalten in die Zukunft zu kopieren, funktioniert nicht wirklich. Wir bleiben ja auch nicht ganz dieselben, wenn wir uns mit den Jahren weiterentwickeln.

Ich mag keinen Stillstand und glaube daran, dass wir uns bis zum Ende – sprich Tod – entfalten dürfen. Müssen wir ja auch, weil sich unser Lebensumfeld auch ständig verändert. Wir sind, nur weil wir 50+ sind, nicht mit allem fertig und können uns zurücklehnen. Da passiert noch viel. Hoffe ich. Anders, aber trotzdem gut. Vielleicht sind manche von uns nicht mehr so schnell bereit, etwas Neues zu lernen, aber für mich sind solche Lebensprüfungen – wie Beziehungen, Trennungen, berufliche Herausforderungen, Umzüge oder die Erderwärmung, der Rechtsruck oder einfach das Loslassen von alten persönlichen Glaubenssätzen – ein guter Spiegel und auch immer Auftrag für meine eigene Weiterentwicklung.

VOLL50: Worauf bist du nicht mehr neugierig?

Claudia Kanz: Ich bin von Natur aus sehr neugierig und spontan. Wenn etwas Neues meinen Weg kreuzt, will ich es auch ausprobieren und so verstehen lernen. Aber es gibt schon ein paar Situationen, die aufgrund meines feministischen Mindsets für mich absolut keinerlei Charme haben. Ich bin echt nicht neugierig auf aggressive Machtkämpfer ohne echtes Standing – das Maskulinum ist hier ganz bewusst gewählt. Meine Geduld mit Mansplainern (*) und den in den sprichwörtlichen 60er Jahren feststeckenden Chauvis ist nicht vorhanden. Ich werde nie den Moment vergessen, als ein Mann mich vor versammelter Mannschaft bedroht und angeschrien hat, jetzt sofort den Mund zu halten und mir zu überlegen, was ich jetzt sage, sonst… Und ich habe ihm lächelnd geantwortet, ich sei bereits zu alt und abgebrüht, dass mir schreiende Männer imponieren würden. Im Gegenteil, denn das sei viel zu flach und er solle die Tür ganz leise hinter sich schließen, wenn er jetzt geht. Und er ging. Ich finde so ein sexistisches Verhalten macht Männer nicht gerade attraktiver, oder was sagt ihr? Sagt denen das keiner?

Es gibt eine ganze Liste an kleineren Dingen/Tätigkeiten, die ich heute nicht mehr brauche. Ich bin nicht mehr neugierig darauf, mich so zu verhalten, wie es Andere von mir erwarten. Mir reichen meine eigenen Erwartungen an mich selbst, die ich auch nicht immer erfülle, und ich bin mir sehr oft eine härtere Gegnerin als jeder andere Mensch. Ich bin nicht mehr neugierig auf lange Nächte in Bars. Ich gehe einfach unterm Radar vor Mitternacht nachhause, weil ich einfach weiß, dass nichts Außergewöhnliches mehr passieren wird. Ich bin nicht neugierig auf veraltete Moralvorstellungen oder Tabus, die schon lange keine mehr sind oder sein sollten. Ich bin nicht mehr neugierig darauf, jede Mode mitzumachen. Ich weiß heute ganz genau, was mir steht. Ich habe bewusst keinen Fernseher und kein Auto mehr und beides geht mir nicht ab. Ich gebe FreundInnen kein Lipservice mehr (=genau das sagen, was der andere gerne hören will). Wenn ich um eine Meinung geben werde, sage ich, was ich mir dazu denke, auch wenn es weh tun kann. Ich erwarte mir von meinen Menschen das Gleiche, weil es mich weiterbringt als nette Worte.

Aber ich bin neugierig, ob diese zugegeben sehr rudimentäre Liste in den nächsten Jahren noch viel länger wird, oder ob ich etwas davon – aus mir heute noch undenkbaren Gründen – wieder ganz anders sehe. Nichts bleibt ewig gleich, das ist die einzige Konstante. 😉

VOLL50: Welche Entscheidung sollte man mit voll50 immer wieder treffen?

Claudia Kanz: Da schreit mein Herz sofort: Für die Liebe! Aber mit meinen 51 Jahren geht es nicht mehr nur um die körperliche oder romantische Liebe. Es geht um jede Art von Liebe. Um Freundschaft, Familie, Liebschaften, Leidenschaft, aber besonders um die Liebe zu sich selbst.

Die Selbstliebe, warum ist sie mir so wichtig? Ich denke, das hat viel damit zu tun, dass dieses Jahrzehnt zwischen 50 und 60 das freieste im Leben einer Frau ist. Ich empfinde mich immer noch als schön und begehrenswert, auch wenn ich keine fruchtbare Frau mehr bin. Jetzt ist die Zeit, in der ich alles sein kann, alles ausprobieren kann, denn nichts und niemand hält mich davon ab, ganz ich selbst zu sein. So empfinde ich das gerade. Die Kinder sind erwachsen und in meinem Fall ist der Ehemann bereits Geschichte. Ich bin nach über 20 Jahren wieder Single. Ja, so ein kompletter Neuanfang ist kein Zuckerschlecken. Weder emotional noch wirtschaftlich, aber ich würde die Entscheidung immer wieder treffen. Weil es eine Entscheidung für mich war. Alle Beziehungen haben ihre Zeit und ihren Sinn, aber man sollte sich nicht scheuen, sie zu beenden, wenn sie einen nicht mehr glücklich machen.

Ich gestalte mein Leben als Singlefrau jetzt gerade wieder ganz neu und dieses Mal wirklich ganz alleine. Ich lebte das letzte Jahr in einer 2 Frauen, 3 Kinder WG nach der Trennung vom Mann. Ich konnte mir aus meiner Persönlichkeitsstruktur heraus gar nicht vorstellen, alleine zu leben. Jetzt ist es anders. Ich bin bereit, wieder einen nächsten Schritt zu tun und suche gerade eine 3-Zimmer-Wohnung für meine Tochter (lebt an ungeraden Monaten bei mir) und mich. Diese Freiheit und Unabhängigkeit sehne ich schon sehr herbei und nenne das jetzt schon meine kompromissfreie Zone. Ich allein bin die Macherin meiner Zukunft. Endlich fokussierst du dich wieder viel mehr auf dich selbst. Du machst nicht mehr alles aus falsch verstandener Zuwendung mit und du hast gelernt „Nein!“ zu sagen, ohne die Angst, dann nicht mehr geliebt zu werden. Ich kann mit Fug und Recht behaupten ich liebe mich, wie ich bin. Mit allen Ecken und Kanten, Falten und Hügeln, Spinnereien und Spleens, Stärken und Schwächen. Selbstliebe heißt für mich, nicht mehr in ein Schema reinpassen zu müssen/wollen. Das ist für mich gel(i)ebte Freiheit.

VOLL50: Wo hört sich Zweisamkeit um jeden Preis auf?

Claudia Kanz: An der Toilettentür! :))) Um die seriösere Kurve zu kriegen, schließe ich hier aber lieber gleich direkt an mein Plädoyer für die Selbstliebe an. Ich würde es heute nicht mehr aushalten, wenn ein Partner mir seine ungelösten persönlichen Kamellen umhängt oder sogar von mir fordert, mich so zu verhalten, dass er, ohne sie zu bearbeiten, fein mit ihnen leben oder sie ignorieren kann. Ich muss mich um meine Interieurs ja auch selbst kümmern. Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, wie belastend so ein bedürftiges Verhalten in Beziehungen ist. Ich bin bezüglich Übergriffe heute viel sensibler. Das heißt nicht, dass ich meinen Partner nicht unterstütze. Im Gegenteil. Das tue ich gern, solange er dabei Verantwortung für sich selbst übernimmt. Ja, und das gibt auch Diskussionen.

Ich möchte euch aber nicht nur erzählen, wo es für mich aufhört, sondern auch ein konkretes Bild malen, wo es für mich anfängt. Träumen kann man ja, oder? Und ich träume immer lieber vom Anfang als vom Ende. Ich habe im Netz eine kleine Allegorie zur reifen Liebe gefunden und sie für mich in meiner Tonart erweitert und transponiert:

Es ist ein schöner, warmer Sommertag. Auf einer grünen, saftigen Wiese steht auf einer sanften Anhöhe ein dichter Lindenbaum. Es summt, Grillen zirpen und Vögel zwitschern. Der Duft von Heu und Sommer durchdringt die Luft. Sie ist warm und nur eine leichte Brise ist zu spüren. (Fühlt ihr es?) Oben in der Baumkrone sitzen zwei Vögelchen und zwitschern und schnäbeln aufgeregt und liebevoll miteinander. Über ihnen ist der blaue weite Sommerhimmel. Beide wissen, sie könnten jederzeit wegfliegen, aber sie tun es nicht, weil es genau hier, genau jetzt miteinander so wunderbar ist!

OMG! Vielleicht bin ich doch romantischer veranlagt als ich dachte. Muss wohl wieder einen meiner Glaubenssätze abändern. 😉

VOLL50: Wofür sollte man sich mit voll50 unbedingt und häufig loben?

Claudia Kanz: Für die tausend Sachen, die man kann, macht, erlernt, verstanden und bewältigt hat. Man sollte sich für die eigenen Fähigkeiten unbedingt loben, denn wir Frauen sind schon immer gerne unsere größten Kritikerinnen gewesen. Dass wir uns oft nicht trauen, uns selbst großartig zu finden, schwächt uns in dieser von Männern dominierten Welt enorm. Und da tut es gut, sich morgens schon mal zu sagen, dass man als liebender und reflektierter Mensch wirklich sehr gut gelungen ist.

Ich habe aber auch eine sehr persönliche Zäsur erlebt, für deren gute Verarbeitung ich mich viel mehr loben sollte. Mir war nicht von Anfang an klar, dass meine Gehirnblutung 2016 das einschneidendste Erlebnis meines bisherigen Lebens sein würde und gleichzeitig das bisher am besten verarbeitete. Manchmal muss ich mich daran erinnern, wie ich mich von fünf Tagen im Koma und rechtsseitiger Lähmung binnen weniger Wochen wieder erholte. Meine Gehirnleistung war dank meinem Ehrgeiz beim Training nach kurzer Zeit in der Reha schon wieder fast normal. Ich verstand aber zu dem Zeitpunkt noch gar nicht, wie außergewöhnlich das war. Ich hatte damit zu kämpfen, dass ich zwar sehr schnell wieder zu 95 Prozent hergestellt war, aber extrem darunter litt, dass danach nicht mehr viel weiterging und mir die fehlenden 5 Prozent an Spritzigkeit sehr abgingen. Für mich war es wie ein Identitätsverlust. Ich war immer schnell beim Denken gewesen, und jetzt war es an manchen Tagen gefühlt nur Schneckentempo. Ich erinnere mich noch genau an den Moment vorm Spiegel im Bad, der mit einer Blitz-Erkenntnis meine Identitätskrise beendete. Ich verstand plötzlich, dass mein Gehirn wirklich ein Wunderding ist und ich die beschädigten Bereiche ganz schnell mittels akribischen Trainings durch neue Synapsen ersetzt hatte. Und da sagte ich ganz laut zu mir: Claudia, denk es einfach neu! Ein Satz kam in meine Gedanken: Deine 95 Prozent sind ab heute einfach deine neuen 100 Prozent. Realistischer Nachsatz: Die paar Prozent hätte ich vermutlich aufgrund meines Alters sowieso bald eingebüßt.

Danach war alles anders. Keine Nabelschau mehr. Nur mehr die 100 Prozent im Kopf und die 5 Prozent waren für mich nie mehr wichtig.

Wann immer ich einen Moment brauche, um mir klar zu machen, dass man alles schaffen kann und sogar einfach dadurch verändern kann, indem man seine eingeübte Denkrichtung einfach ändert, lobe ich mich für diese Eingebung an diesem Junitag vor dem Spiegel. Dass ich mich aktiv aus einer eingefahrenen Denke holen kann, macht mich sehr stolz.

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(*) mansplaining, erklärt von Claudia Kanz

„Kommt von man + explains = mansplaining

Ein sehr gängiger Begriff in meiner sehr emanzipierten Frauenblase 🙂 Ich krieg so einen Hals )(, wenn einer mir unbedingt in seinen Worten auch noch erklären muss, was ich eh gerade gesagt habe. Oder wenn mir ein Mann erklärt, wie man am besten menstruiert. :/ Mansplainer lassen echt nix aus. Und wenn sie das nicht tun können, dann fallen sie dir ins Wort. Das heißt dann manterrupting. Es ist schwer dafür deutsche Worte zu finden. Erklärknabe? UnterbrechEr?“

Lebenslust vorleben

Zwei Informationen haben mich kürzlich aufhorchen lassen: Ein Viertel der Jugendlichen können nach der 9. Schulstufe nicht sinnerfassen lesen. Und Selbstmord ist die zweithäufigste Todesursache bei Kindern und Jugendlichen. Ein Zusammenhang?