Voll50 Frauen

Sie stehen mitten im Leben, haben viel geschafft und trotzdem noch Kraft für neue Abenteuer. Sie sind gelassen, mutig und für alles zu haben, was sie nährt. Entdecken Sie mit mir in regelmäßigen Abständen großartige Voll50-Frauen!

Zurück in die Pubertät!

Nach einigen Jahren ohne Jugend in meinem Haus komme ich nun in den Genuss, wieder in die Erlebniswelt junger Menschen eintauchen zu dürfen. Und ich kann gar nicht glauben, wie schnell sich manche Dinge in nur relativ kurzer Zeit verändern können.

Etwaige Unschärfen bezüglich der Aufnahmequalität bedauere ich und bitte um Nachsicht.

Die schriftliche Version dieses Beitrags finden Sie ab Freitag Abend auf http://freie-journalistin.at/texten/blog

„Ohne Krise kapieren wir es nicht“

Wer etwas verändert, zerstört auch immer etwas. Und das kann eine befreiende Erfahrung sein, sagt Sabine Wagenhofer. Die Vernunft fahren lässt sie nur bis zu einem gewissen Punkt.

VOLL50: Was muss passieren, damit frau mit voll50 in die Erneuerung geht?
SABINE WAGENHOFER: Etwas gravierendes, glaube ich. Bei den meisten muss vermutlich ein einschneidendes Erlebnis passieren, damit sie aus der Komfortzone, in der frau meistens mit 50 lebt, herauskommt. Nur wenn etwas Gravierendes passiert, bringt eine ins Nachdenken: Will ich jetzt so weiter machen oder ändere ich etwas? Anders kapieren wir es vermutlich nicht. Ich definitiv nicht. Ich brauche immer meine drei Ohrfeigen, bis ich etwas checke. Andere brauchen vielleicht nicht so viele. Bei mir war es halt das Burnout, das mir den Weg gewiesen hat – und da war ich noch gar nicht 50. Und wenn ich recht überlege, kenne ich tatsächlich auch Frauen, bei denen etwas passiert ist, etwa weil ihnen der Mann weggelaufen ist. Ich glaube, die wenigstens kommen ganz von alleine drauf, dass sie eine Situation ändern.

Ich habe bei einer guten Freundin erlebt, dass die Kinder aus dem Haus waren, und dann hat sie gemerkt, dass die Ehe auch nicht mehr passt, weil immer die Kinder im Mittelpunkt gestanden sind. Und dann kam das böse Erwachen. Was tue ich jetzt mit mir selbst?

VOLL50: Wie viel Zerstörungsenergie ist dabei im Spiel?
SABINE WAGENHOFER: Das ist eine gemeine Frage. Ohne eine gewisse Zerstörungsenergie geht es meiner Meinung nach nicht. In meinem Fall war vielleicht unterbewusst diese Energie aktiv, aber ich bin generell kein Zerstörmensch. Aber klar, frau zerstört das bestehende Leben, wenn sie sich erneuert. Was habe ich zerstört? Freundschaften, einige. Auch Einstellungen natürlich, aber eher in dem Sinne, dass ich sie aufgegeben habe. Weil ich immer die Brave, Liebe, Nette war, die immer zu allem ‚Ja‘ und ‚Amen‘ gesagt hat. Und irgendwann einmal bin ich für meine Einstellung eingestanden. Also habe ich sicher auf für andere die Einstellung zerstört, die sie zu mir hatten. Das wurde mir ja dann auch vorgeworfen, dass ich mich so verändert hätte. Das war am Anfang kein gutes Gefühl, aber ich dachte mir dann, dass Veränderung ohne Verluste nicht geht. Und irgendwann einmal war ich an dem Punkt, wo ich mir dachte: Entweder sie akzeptieren mich so, wie ich jetzt bin – weil das ist ja mein wahres Ich und nicht das verstellte aus der Vergangenheit – oder wir passen einfach nicht zusammen. Fertig. Aber das hat eine Zeitlang gedauert, bis ich das gecheckt habe.

VOLL50: Welche Kraft liegt mit voll50 in enttäuschter Hoffnung?
SABINE WAGENHOFER: Bei mir persönlich nicht so viel. Ich bin generell ein Mensch, der hunderttausend Ideen hat. Und ich probiere etwas, und wenn das nicht klappt, kommt die nächste Idee dran. So war ich immer schon, stets optimistisch und positiv. Ich habe so viele Ohrfeigen gekriegt, und klar habe ich auch Phasen gehabt, wo es mir richtig dreckig gegangen ist. Allerdings kann ich mich sehr schnell wieder selbst aufbauen. Und ich gehe dann in den „Jetzt erst recht“-Modus. Stell Dich gerade hin, schminkst Dich und ziehst etwas Schönes an, auch wenn’s Dir noch so scheiße geht. Und für diese Gabe bin ich wirklich megadankbar. Ich hatte auch im Burnout nicht das Problem, dass ich in die Depression gefallen bin. Das haben damals auch alle Therapeuten bestätigt.

Zur Hoffnung zurück: Wenn ich etwas nicht probiere, weiß ich nicht, ob etwas funktioniert. Ich probiere alles, aber ich stecke nicht zu viel Energie und Kraft hinein. Wenn es nicht klappt, denke ich mir, dass es eben nicht das Richtige war. Bei der Vielzahl an Ideen wird sicher die passende dabei sein.

VOLL50: Wie viel innerer Dialog ist für einen äußeren Dialog nötig?
SABINE WAGENHOFER: Ich bin zu intuitiv und spontan für innere Dialoge. Natürlich habe ich sie auch, aber nicht gravierend. Ich habe die Prägung durch das Geschäft meiner Eltern, dass ich immer zu lachen hatte, immer zu grüßen hatt, immer freundlich zu sein hatte. Und irgendwann einmal wollte ich das nicht mehr, weil mir durchs Leben das Lachen vergangen ist. Und das war der Zeitpunkt, wo ich auch etwas geändert habe. Im Grunde gibt es insofern so auch bei mir innere und äußere Dialoge, aber die beiden wachsen mehr und mehr zusammen. Vor allem bei den Dingen, die mir am Herzen liegen. Mein Mann sagt in solchen Situationen dann immer: ‚Denken vor Reden‘.

VOLL50: Wann darf frau mit voll50 auch einmal die Vernunft fahren lassen?
SABINE WAGENHOFER: Immer. Im Endeffekt sind wir alle sehr vernünftig, wie wir leben. Doch gerade deshalb können wir die kleinen Vogelgeschichten, die wir alle haben, kann frau ruhig rauslassen. Das macht das Leben lustiger und bunter.

Andererseits: Es ist gut und schön, dass frau auf sich schauen sollte. Das ist ja in den vergangenen Jahren ein großes Thema geworden. Trotzdem leben wir auf einem Planeten, wo es auch noch andere Menschen gibt. Es gibt einfach Menschen, wo nur noch das ‚Ich‘ zählt, und so funktioniert Gemeinschaft aber nicht. Respekt und Wertschätzung müssen immer vorhanden sein, und dass ich niemanden beleidige oder/und verletze. Das ist für mich die Grenze für Unvernunft. Ich bin seit 33 Jahren verheiratet, und Beziehung ist immer Arbeit. Und da geht es halt nicht mit dem Ego-Trip. Ich habe einen Partner und berücksichtigen, was er will, auch wenn es nicht meins ist. Aber er macht ja dafür auch etwas, wo er mir entgegen kommt.

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„Die Nähe zu mir selbst ist ein wunderbares Gefühl“

Von emotionalem Rückzug hält Carmen Dallarosa mindestens genauso wenig wie davon, eine Partnerschaft zu priorisieren. Und doch kann sie sich eine Art „Pensionsvorsorge“ vorstellen.

VOLL50: Wann ist Zynismus gesünder als Einfühlsamkeit?
CARMEN DALLAROSA: Grundsätzlich finde ich zynisch zu sein nicht gesund. Warum? Wenn ich mir nichts Gutes tue, dann kann das für mich nicht gesund sein. Wenn ich in einem Gespräch mit meinem Gegenüber mit beißendem Spott daher komme und eventuell auch noch dessen Gefühle missachte, bringt mich das nicht weiter, als dass ich meine negativen Gefühle entlade. Dabei frage ich mich, ob ich nicht lieber meinen Zynismus bei meiner Katze oder bei meinen Pflanzen deponiere, um niemanden zu verletzen. Daher wäre natürlich Einfühlsamkeit die bessere Wahl, um ein harmonisches Miteinander zu pflegen. Dennoch bin ich ein weibliches Wesen mit Emotionen, die auf einmal hochkommen und ich sie auch nicht immer kontrollieren kann und will.

Somit passiert es auch mir, dass ich meinen Zynismus an anderen auslebe, ob ich will oder nicht. Ich entlade mich, und es geht mir dann besser, weil ich es ausgesprochen habe. Ich teile mich mit, ich kommuniziere. Das ist mein Ziel. Sollte ich das nicht tun, akzeptiere ich nur, und DAS ist nicht gesund! Wann ist es also gesünder zynisch als einfühlsam zu sein? Vielleicht dann, wenn die Einfühlsamkeit nicht mehr wahrgenommen wird. Zynisch gesagt, wenn das Gegenüber empathielos, ohne jegliches Mitgefühl, ist. Dabei kann ich sogar mit Zynismus nicht verletzen, aber es wird eher verstanden, und ich erreiche so mein kommunikatives Ziel, mich mitzuteilen und nicht nur zu akzeptieren. Eine Frau – ein Wort – viel Kraft!

VOLL50: Warum sollte Frau mit voll50 einer Partnerschaft immer noch die erste Stelle der Prioritätenliste einräumen?
CARMEN DALLAROSA: Egal ob ich 20, 30 oder 50 Jahre bin, ich sollte es nicht tun! Ich tat es trotzdem. Mit 20 wollte ich Erfahrungen mit Männern und dem Zusammenleben machen. Mit 30 wollte ich eine Familie gründen und mit knapp 50 wollte ich nicht alleine sein – man könnte auch Pensionsvorsorge dazu sagen! 🙂

Vor kurzem hatte ich aber die Erleuchtung. Denn grundsätzlich ist es egal, wie alt Frau ist. Auf der Prioritätenliste jeglichen Alters sollte Selbstbestimmung, Unabhängigkeit, Zufriedenheit und Selbstwert stehen. Erst wenn die Frau sich diese Prioritäten erfüllt hat, kann sie in eine gesunde und glückliche Beziehung gehen und wird die obengenannten Prioritäten niemals mehr verlieren. Vielleicht kommt ihr der Partner wieder mal abhanden, doch der Selbstwert und die damit verbundene Zufriedenheit bleibt! Dieses wunderbare Gefühl, sich selbst zu genügen, ist pures Glück. Es fühlt sich einfach gut an, und viele Probleme werden zu Herausforderungen, die durch diese gewonnene Stärke gemeistert werden können. Die Leichtigkeit, durch beseitigen des Mangels, hält Einzug! Schön wäre es trotzdem, mit dem gewonnen Selbstwert, eine wunderschöne auf Augenhöhe basierende Partnerschaft zu leben!

VOLL50: Was braucht Frau, um Selbstachtung zu zelebrieren
CARMEN DALLAROSA: Da möchte ich eine Liste anführen, die mir in letzter Zeit sehr geholfen hat und die es treffend beschreibt, was ich dafür tun kann, um in meinen Selbstwert zu kommen und ihn zu wahren:

* Wenn es sich falsch anfühlt, tu es nicht.

* Sag exakt das, was du meinst.

* Mache es anderen nicht immer recht. Mache es dir recht!

* Vertraue deinem Instinkt.

* Sprich nie schlecht über dich selbst.

* Gib niemals deine Träume auf.

* Scheue dich nicht „nein“ zu sagen.

* Scheue dich nicht „ja“ zu sagen.

* Sei gütig zu dir selbst.

* Lasse los, was du nicht kontrollieren kannst.

* Halte dich fern von Drama und Negativität.

* Liebe!

Und wenn ich diese Liste immer wieder mal durchlese, nippe ich dabei an meinem Glas Rotwein und höre FM4! 🙂 Yeah!

VOLL50: Emotionaler Rückzug – nimmt dieser Zug mit voll50 fahrt auf?
CARMEN DALLAROSA: NEIN, im Gegenteil. Ich lasse zurzeit meinen Gefühlen freien Lauf. Manchmal knalle ich hart auf meine Nase. Stehe aber gleich wieder auf, putze meine Nase, zelebriere die Liste der Selbstachtung und teile meine Gefühle der Welt mit. Das mache ich so lange, bis meine Gefühle erhört und erwidert werden, und dann lege ich erst richtig los! Ich trage mein Herz und mein loses Mundwerk auf der Zunge – was raus muss, muss raus! Ich möchte mich mitteilen, zeigen, wie toll ich mit 50 Jahren bin, wie verrückt ich sein darf, weil ich es mir erlaubt habe, und wie schön es sein kann, wenn Frau Gefühle hat und sie zeigen kann. Wer sich emotional zurückzieht, tut mir leid, der lebt nicht. Ich möchte mich mit Gefühlen ausdrücken. Meine Freude, aber auch meine Traurigkeit ausleben. Erst wenn ich Gefühle leben darf, ist es für mich ein wertvolles, zufriedenes Leben!

VOLL50: Welchen ersten Schritt sollte Frau gehen, um Sehnsüchte und Wünsche umzusetzen?
CARMEN DALLAROSA: Den Selbstwert muss sie erkennen, ihn leben & lieben! Alle Menschen und alle Erlebnisse, gute wie schlechte, haben mich auf meinen Weg zu meinem wertvollen Selbst begleitet. Alleine im stillen Kämmerlein hätte ich das nicht geschafft. Diese Erlebnisse habe ich selbstreflektierend betrachtet, meine Gefühle zugelassen und die Erkenntnis manifestiert. So entsteht „Selbstliebe“. Diese Selbstliebe hat mir erst meine wahren Sehnsüchte und Wünsche eröffnet, und ich komme ihnen immer näher! Die Nähe zu mir selbst ist ein wunderbares Gefühl. Es lässt mich nie so fühlen, als wäre ich alleine. Das bin ich ja auch nicht. Manchmal spreche ich mit meinem Selbst und sage dann: „Ich hab dich und du hast mich! Wollen wir Musik hören?“

Ein NEIN kostet so viel mehr Kraft als ein JA

Immer auf der Suche nach Vollkommenheit und neuen Erlebnissen, glaubt Voll50-Frau Inge Miglbauer fest an die Dauerhaftigkeit von Freundschaften und daran, dass die Motivation anderer kein Lippenbekenntnis sein darf.

VOLL50: Wann halten Freundschaften auch eine gewisse Unregelmäßigkeit aus?
INGE MIGLBAUER: Ich kann das nur für mich beantworten und in meinem Empfinden halten Freundschaften, die irgendwann mal richtig innig waren, immer Unregelmäßigkeiten aus. Echte Freundschaften halten ein leben lang für mich. Das kann aber daran liegen, dass ich mich mit Veränderungen schwer tue, ich hänge an gemeinsamen Erlebnissen und schönen Erinnerungen und Bildern. Je älter ich werde, desto mehr stelle ich auch fest, dass ich das bin. Ich bin diejenige, die solche Freundschaften oder Freundschaftskreise am Leben hält, und ich denke, das hab ich von meiner Mama. Aber ja, Freundschaften halten Unregelmäßigkeiten aus, gerade heutzutage mit den Kommunikationsmöglichkeiten, aber es bedarf auch der Zeit, und daran scheitert es oft. Speziell Freundschaften aus jungen Jahren halten Unregelmäßigkeiten aus, weil man soviel voneinander weiß oder weil man sich gern an die Zeit, als man jung war, zurückerinnert und die damit verbindet. Ich habe das Glück, beides zu haben, lange Freundschaften, die mein Leben ausmachen, ja meine Familie sind und Freundschaften, wo man nicht immer in Kontakt ist, aber in dem Moment, wo man sich trifft, ist alles wie immer. Man knüpft da an, wo wir uns zuletzt gesehen oder gehört haben, einfach wie wenn´s gestern gewesen wäre. Und darum Fazit, ja, echte Freundschaft hält das aus.

VOLL50: Wann liegt mit voll50 mehr Kraft in einem „Nein“ als in einem „Ja“?
INGE MIGLBAUER: Ganz einfach ab dem Zeitpunkt, wo man es mit über 50 endlich kann. Auch wenn es lächerlich klingt: Ich sage leider immer noch zu oft JA, obwohl ich NEIN sagen möchte, beruflich und privat. Und das ist in meinem Alter eigentlich ein Armutszeugnis, andere können das schon perfekt mit 20. Aber da ich mich nie sehr attraktiv empfand, dachte ich immer, ich muss mit Charme und Nettigkeit das wettmachen, und das ist halt schwer abzulegen. Also in einem ‚Nein‘ mit voll50 liegt bei mir alle Kraft, die ich aufbringen kann, weil ich ja etwas ablehne, was jemand von mir möchte. 100mal mehr Kraft als in einem ‚Ja‘! Und ich bin überzeugt, dass ich da nicht die Einzige bin, weil warum brechen sonst Frauen über 50 urplötzlich aus ihrem Leben aus und sagen NEIN. Wo das ganze Umfeld sagt, na was ist jetzt den los? Das erschreckt viel mehr, und es bedarf auch viel mehr Kraft, das zu tun, also NEIN zu etwas zu sagen.

VOLL50: Welche Art von Ruhe macht unruhig?
INGE MIGLBAUER: Zuviel Ruhe interpretiere ich als ‚ausgeschlossen sein‘, ‚ausgeschlossen aus dem Leben‘, und das bin ich zum Glück ganz selten. Der Spruch ‚Ich brauche mal Zeit für mich‘ ist für mich ein Fremdwort. Mich macht die Ruhe, die wohl viele sich wünschen, unruhig, ich mag auch kein Home Office. Ich fahre nicht allein auf Urlaub oder mag auch nicht allein an den See fahren, das macht mich unruhig. Und auch vertane Zeit macht mich unruhig, sinnloses Herumgetrödle, wo man viel erkunden oder erleben könnte. Diese Ruhe macht mit unruhig. Aber ich liebe die Ruhe auf einer Bergspitze oder in einer Kathedrale, das ist ganz wunderbar.

VOLL50: Wie viel Unvollkommenheit gestattet sich frau mit voll50?
INGE MIGLBAUER: Ganz ganz ganz schwierige Frage!!! Von mir ausgehend, leider gar keine Unvollkommenheit. Immer das Gefühl zu haben, alles 110prozentig erfüllen zu müssen, weil wenn nicht jetzt, wann dann, viel Zeit bleibt ja nimmer für eine über 50jährige, die quasi noch den „öffentlichen Fehler“ herumträgt, keine Kinder in die Welt gesetzt zu haben und nie verheiratet gewesen zu sein. Auch wenn ich beruflich schon erfolgreich bin, geschätzt werde – ich habe immer das Gefühl, doppelt soviel leisten zu müssen, verzeihe mir keinen Fehler, also es hält null Unvollkommenheit aus. Und was dazukommt: Je älter, desto schwieriger ist die Unvollkommenheit privat und beruflich zu schaffen, weil man halt langsamer wird. ABER ich denke, es liegt in vielen Fällen und bei mir sicher an der Erziehung beziehungsweise an dem, wie man es vorgelebt bekommt, und dieses Muster zu durchbrechen, ist einfach unsagbar schwer. Es auszuhalten dazustehen und zu sagen: ‚Na und, wurscht, ist sich nicht ausgegangen, nicht geschafft, nicht perfekt, solala gelaufen, vielleicht morgen,‘ ist wahnsinnig schwer, fast unmöglich und ist immer mit ‚ungenügend‘ oder ‚unvollkommen‘ verbunden.

VOLL50: Wie motiviert frau andere zur Eigenverantwortung?
INGE MIGLBAUER: Ist die schwierigste Frage für mich, weil Eigenverantwortung wofür!?!? Für ihre Gesundheit, die Gesellschaft, den Partner, ihre Jobauswahl? Und egal, welcher dieser Punkte – es ist schwer zu motivieren ohne eventuell jemanden zu kränken. Man muss dieser Motivation dann auch Eigeninitiative folgen lassen. Ich sag dir, du musst wirklich was tun für deine Gesundheit, dann muss ich auch sagen, ok, komm, ich nehme mir Zeit, ich geh laufen oder schwimmen mit dir. Oder im Job, leicht zu sagen, komm, du schmeißt das jetzt hin, es reicht. Aber dann muss man auch helfen, was Neues zu finden. Und da denke ich, setzt dann die Bequemlichkeit ein. Bei wem ist alles perfekt, wer weiß ob’s besser wird, egal in welchem der Punkte? Und vorbei ist es mit der Motivation für andere Frauen. Manchmal wird das, was andre als Motivation bezeichnen, als Bevormundung empfunden. Das kann ich aus eigener Erfahrung sagen, und dann ist es eher kontraproduktiv. Ich denke nicht, dass ich schon andre Frauen zur Eigenverantwortung motiviert habe, aber eventuell weiß ich es nur nicht.

Lebenskunst ist keine Selbstläuferin

Wenn frau sich selbst verzeihen kann, fällt es auch bei anderen leichter, sagt Voll50-Frau Bettina Steinsberg. Eine stabile Mitte hilft dabei, wenn sie aus dem Bewusstsein erwächst: Fehler sind wichtig.

VOLL50: Was kann Lebenskunst mit voll50 – ist sie eine Selbstläuferin?
BETTINA STEINSBERG: Lebenskunst ist mit voll50 gut möglich, allerdings keine Selbstläuferin. Wir müssen uns mit uns selbst auseinandersetzen, mit unseren Träumen, Sehnsüchten, Ängsten und Verletzungen. Sonst holen sie uns früher oder später ein, und dann wird Lebenskunst schwierig. Wenn wir uns hingegen selbst gut kennen, dann kann uns mit voll50 nichts mehr so leicht aus der Bahn bringen. Denn wir wissen um unsere Leistungen, müssen niemandem mehr etwas beweisen, kennen und akzeptieren unsere Schwächen. Wir sind im Einklang mit uns. Das macht Lebenskünstler*innen aus.

VOLL50: Was braucht frau, um im Mittelpunkt stehen zu können?
BETTINA STEINSBERG: Eine starke Mitte. Zuerst muss frau selbst von sich überzeugt sein. Das ist gar nicht so einfach, wie es klingt. Frauen tendieren dazu, Erfolge äußeren Umständen zuzurechnen. Misserfolge hingegen nehmen sie persönlich und beziehen sie auf sich und ihre Fehler. Da hilft eine „Fehlerkultur“. Es ist nicht nur in Ordnung, Fehler zu machen, sondern extrem wichtig, dazu zu stehen, daraus zu lernen und daran zu wachsen. Dann kann ich gut im Mittelpunkt stehen.

VOLL50: Welche zwischenmenschlichen Verhaltensmuster sind mit voll50 immer noch spannend?
BETTINA STEINSBERG: Alle sind spannend. Das liegt an der Reife. Wir sind sensibler und nehmen mehr wahr. Wir sind reflektierter und stellen uns und unser Gegenüber mehr in Frage. Wir können besser diskutieren und unseren Standpunkt vertreten. Wir können unterschiedlicher Meinung sein, ohne darüber streiten zu müssen. Wir können uns auch gelassen zurücknehmen, wenn wir keine Chance sehen, in echte Beziehung zu treten. Das alles macht Beziehungen vielfältig und letztlich auch spannend.

VOLL50: Wie kann frau beim Verzeihen helfen?
BETTINA STEINSBERG: Verzeihen beginnt immer bei uns selbst. Wer sich selbst gut verzeihen kann, ist in der Lage, anderen beim Verzeihen zu helfen. Wenn Verzeihen schwerfällt, dann liegt oft eine tiefe Verletzung von früher dahinter. Frau kann zwar helfen, der Ursache auf den Grund zu gehen, warum jemand schwer verzeihen kann. Finden muss dieser Jemand die Ursache allerdings selbst und bereit sein, sowohl die Verletzung als auch die Heilung des Schmerzes anzunehmen.

VOLL50: Wie verändert sich das Gefühl für Geschwindigkeit mit voll50?
BETTINA STEINSBERG: Das ist subjektiv. In meinem Fall ist es so, dass ich schon immer quirlig und unruhig war, besonders als Kind. In der Schule war das ein Problem, in meinem ersten Job als Unternehmensberaterin hat es mir aber sehr geholfen, vor allem die schnelle Auffassungsgabe und das Tempo, das ich an den Tag gelegt habe. Allerdings habe ich mit den Jahren gemerkt, dass mir diese Geschwindigkeit nicht guttut. Ich habe mich ausgelaugt gefühlt, und dann kam die Sinnkrise. So bin ich zu meinem jetzigen Beruf gekommen. Shiatsu zu geben, ist für mich selbst ein Geschenk. Es bringt mich zur Ruhe und erdet mich. Das tut mir enorm gut. Darüber hinaus können auch meine Klient*innen die Erfahrung von tiefer Entspannung und Mitte-Finden erleben.

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Wenn nicht jetzt, wann dann?

Weder Anpassungsfähigkeit noch Naivität passen zu einer Voll50-Frau, sagt Christine Schwärzler. Unterwegssein ist für sie ein Muss, Warten auf morgen oder übermorgen überhaupt keine Option.

VOLL 50: Wo endet mit voll50 die Anpassungsfähigkeit?
CHRISTINE SCHWÄRZLER: Anpassungsfähigkeit ist die Fähigkeit, sich auf geänderte Anforderungen und Gegebenheiten einzustellen. Eine Kompetenz, die manchmal notwendig ist, die neue Türen öffnen kann, aber mit voll50 kein Muss ist. Das Privileg von vollfünfzig ist, sich in manchen Situationen – sowohl beruflich als auch privat – nicht mehr anpassen zu müssen.

Anpassungsfähigkeit hat nicht nur mit vollfünfzig Grenzen. Meine Anpassungsfähigkeit endet, wenn ich mich einfach nicht anpassen möchte, wenn ich mich verbiegen, wenn ich meine Überzeugungen negieren müsste. Ein menschliches Chamäleon zu sein ist meiner Meinung nach weder vor50 noch mit voll50 oder nach50 erstrebenswert. Auch wenn es heißt, dass weder die stärkste noch die intelligenteste Spezies überlebt, sondern die angepassteste, ist das kein Argument für mich. Im Gegenteil – oft sind nämlich die Unangepassten die Interessantesten.


VOLL50: Inwiefern beeinflusst Naivität die Ausstrahlung?
CHRISTINE SCHWÄRZLER: Meine ersten Assoziationen zu Naivität sind eher negative. Synonyme zu diesem Nomen sind laut Duden Arglosigkeit, Einfachheit, Einfalt, Harmlosigkeit. Wie kann Naivität da die Ausstrahlung positiv beeinflussen? Ahnungslos, arglos, blauäugig und einfältig zu sein, kann nicht wirklich erstrebenswert sein. Meiner Meinung nach haben naive Menschen keine besondere oder eine negative Ausstrahlung. Menschen, die wenig Erfahrung mitbringen, unkritisch und einfältig agieren, strahlen in meinen Augen nicht viel aus.

VOLL50: Worauf sollte frau mit voll50 auf keinen Fall mehr warten?
CHRISTINE SCHWÄRZLER: Auf morgen oder gar auf übermorgen. Jetzt im Moment leben ist mit voll50 wichtiger denn je. Nichts mehr aufschieben, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, Dinge zu tun, die man/frau immer tun wollte, dorthin zu reisen, wohin man/frau immer schon wollte, das zu sagen, was man/frau immer schon sagen wollte.

VOLL50: Wie wirkt es sich aus, wenn man das Unterwegssein übertreibt?
CHRISTINE SCHWÄRZLER: Kann man das Unterwegssein übertreiben? Gibt es denn Schöneres als unterwegs zu sein? Reisen und Unterwegssein mit meinem Mann und meiner Familie sind die schönsten Tätigkeiten, die ich mir vorstellen kann. Nichts mehr genieße ich, als mit ihnen unterwegs zu sein, Neues kennenzulernen, gemeinsame Erfahrungen zu machen und Erinnerungen zu kreieren. Sammle Momente, nicht Dinge; die schönen Momente sind es, die bleiben. Neue Abenteuer kann man nur erleben, wenn man unterwegs ist und nicht stillsteht.

VOLL50: Wann kollidieren mit voll50 Hilfsbereitschaft und Selbst-Bewusstsein?
CHRISTINE SCHWÄRZLER: Menschen, die sich ihrer selbst bewusst sind, geben gerne und sind bereit zu helfen. Mit 50 und den bis dahin gemachten Erfahrungen ist es leicht, eine Kollision von Hilfsbereitschaft und Selbst-Bewusstsein zu vermeiden. Hilfsbereitschaft UND Selbstbewusstsein mit 50? Ja, wenn nicht jetzt, wann dann?

Langeweile – was ist das?

Foto: Andreas Hüttner

Petra Adelsberger kann erkennen, wann eine Frau sich selbst achtet. Und sie weiß, dass es oft viel bunter wird, wenn man durch eine Hintertüre geht. Ihre ist rot gestrichen.

VOLL50: Wann entsteht aus Langeweile etwas positives?
PETRA ADELSBERGER: Langeweile – was ist das?

VOLL50: Auf welcher Hochzeit sollte frau mit voll50 auf gar keinen Fall tanzen?
PETRA ADELSBERGER: Auf der Hochzeit von „Gefallen wollen“ und „recht machen“. Da tanzen wir oft auf Hochzeiten, auf die wir nicht so gerne eingeladen werden. Das sollten wir nicht mehr tun. Das Tanzen macht nur Spaß, wenn die richtige Musik spielt. Ohhh – da klingt jetzt sehr lässig! Ich wünsche mir, dass es auch manchmal so wäre……

VOLL50: Mit welchen Farben und /oder Mustern würdest du eine Hintertüre bemalen?
PETRA ADELSBERGER: Rot – damit sie sichtbar ist und nicht vergessen wird. Hintertüren geben eine Sicherheit, und wenn man durchgeht, ist es oft viel bunter als man sich es vorstellen kann.

VOLL50: Wie kann frau mit voll50 Liebe definieren?
PETRA ADELSBERGER: Liebe ist so ein schönes Wort und das Schönste, was man fühlen kann. Die Definition für mich ist die Hingabe für das Leben, für einen selbst, für die Kinder, für den Partner, für die Natur und für die Menschen – wo jeder so wunderbar und einzigartig ist. Das zu spüren, das ist für mich Liebe.

VOLL50: Woran erkennt frau Selbstachtung bei sich und anderen?
PETRA ADELSBERGER: Frauen, die sich selbst achten, strahlen das aus. Ich sehe und ich spüre das. Das fällt mir jetzt schwer zu beschreiben, weil mir die Worte fehlen. Für mich geht es um Liebe (natürlich), Wertschätzung, Achtung und Freude mit sich selbst. Zu tun und zu sagen, was für einen wichtig ist. Hinter sich zu stehen in guten wie in schlechten Zeiten.

https://petra-adelsberger.at

Vom Nimmerleinstag der Erwartungen

Realitätsfremd auf dem Boden der Tatsache stehen, dem Gesicht ein paar unverfälschte Lebenszüge geben, im Elfenbeinturm schaukeln – für Gerti Krawanja ist das die Kunst des Lebens.

VOLL50: Wie realitätsfremd dürfen wir mit voll50 sein?
GERTI KRAWANJA:
Im Grunde dürfen wir hierzulande ja alles sein – ob realitätsfremd, -verweigernd oder -verlustig. Ich muss zugeben, dass ich all dies verstärkt beobachte. Man könnte annehmen, dass ab einem gewissen Alter die Fähigkeit zur Unterscheidung von Realität und Fiktion gegeben ist, was angesichts der Medienvielfalt aber immer schwieriger wird. Realitätsfremd im Sinne von „träumerisch“ und „visionär“ zu sein, ist gut und wichtig, fraglich finde ich hingegen, wenn voll50-frau auf eine weltfremde Schiene kommt, in der keine andere Sichtweise mehr Platz hat. Da fehlt mir ehrlich gesagt die nötige Toleranz. Also ja, gerne realitätsfremd, aber bitte auf dem Boden der Tatsachen.

VOLL50: Was kann man an einem Gesicht idealerweise ablesen?
GERTI KRAWANJA:
Bestenfalls noch ein paar unverfälschte Lebenszüge. Ich meine damit, dass in einer Welt voller Manipulation und chirurgischer Möglichkeiten das Maß an Regungen allmählich verloren geht. Ich hoffe nicht, dass sich diese Entwicklung so fortsetzt. Wenn ich mir die Gesichter zum Beispiel im TV heutzutage so anschaue, dann sehe ich größtenteils dieselben Ausdrucksweisen, vielleicht auch weil man es den Menschen so antrainiert. Idealerweise lese ich an einem Gesicht die volle Aufmerksamkeit und Authentizität beim Gespräch, einen offenen Blick und viele Lachfalten, in jedem Fall aber den Mut, jede einzelne Alterserscheinung mit Würde anzunehmen. Und ganz ehrlich: Ein Gesicht, das auf Weisheit beruht, wird man sich viel eher merken als tausend beliebige.

VOLL50: In welche Gewohnheit sollte frau mit voll50 auf jeden Fall frischen Wind bringen?
GERTI KRAWANJA: Gewohnheiten haben ja oft mit Bequemlichkeit zu tun: Der Mann, der sich abends auf die Couch setzt und auf das Essen wartet. Die Frau, die das Essen bringt und nach zig Ehejahren noch auf ein Lob wartet, das nie kommen wird. Warum nicht einmal den Spieß umdrehen und schauen, was passiert? Wer weiß, vielleicht wird im Ehemann der leidenschaftliche Koch geweckt. Schlimmstenfalls endet das Experiment mit Trennung, aber auch die Voll50-Frau darf noch die Bekanntschaft mit dem Alleinsein machen. Vielleicht ist es ein Segen für beide. Ich glaube, das Hausmütterchendasein hat ausgedient, allerdings soll sich keine Frau heute schämen müssen, gerne Hausmütterchen zu sein. Ich finde die Gewohnheit der Angepasstheit ohnehin das Übel der Menschheit, weil sich dann nichts oder alles in eine falsche Richtung bewegt. Auch die Gewohnheit, sich mit anderen zu vergleichen ist fatal. Wir sind alle einzigartig und dürfen das ruhig zeigen. Das bedeutet aber nicht, dass man vor lauter Individualismus vergisst, Rücksicht auf andere zu nehmen. Ein gesundes Mittelmaß in allem zu finden, ist wohl die Kunst des Lebens.


VOLL50: Welche Erwartungen (anderer) dürfen auf den Nimmerleinstag warten?
GERTI KRAWANJA:
Mit Erwartungen habe ich ohnehin so meine Probleme, weil sie die Tendenz haben, enttäuscht zu werden. Wenn sie übertroffen werden, dann ist es natürlich gut. Man kann es sich aber auch zur Gewohnheit machen (siehe obige Frage), wie ein Kind ohne Erwartung in den Tag zu gehen und staunend festzustellen, welche Geschenke er bereithält. Konkret gefragt, kann die Erwartung anderer, mich auf Meinungen, Klischees oder Lebensformen festnageln zu wollen, gerne auf den Nimmerleinstag warten. Andererseits habe ICH die Erwartung aufgegeben, dass der Mensch aus Fehlern lernen möge und Gerechtigkeit die Erde erfüllt.

VOLL50: Wie sieht Dein Zimmer im Voll50-Elfenbeinturm aus?
GERTI KRAWANJA: In meinem Voll50-Elfenbeinturm trifft sich jung mit alt, hell mit dunkel, bunt mit unifarben. Ich sitze auf einem weißen Schaukelstuhl und schaue aus großen Glasfenstern in eine weite hügelige Landschaft mit Wäldern und saftigen Wiesen. Die Sonne verschwindet langsam hinter den Hügeln und lässt das Firmament rot leuchten. Irgendwo sehe ich noch Kühe auf der Weide, die friedlich grasen. Ein Sturm zieht auf und lässt die Bäume hin und her schwenken. Neben mir steht ein antikes Holztischchen mit heißem Tee oder Kaffee in Griffweite. Meine Gedanken sind weit und inspirativ – unvermittelt nehme ich mein Notizbuch und schreibe glückselig auf Seite 345 die letzte Seite meines Romans fertig. Uups, jetzt bin ich aufgewacht.

„Es müssen sich die Prioritäten verschieben dürfen“

Fotocredit: Bernd Alfanz

Beruflich zeigt Gertraud Klemm ihre Gefühle nur dann, wenn es notwendig ist. Privat kommen sie raus, wenn es pressiert. Schnell muss es auch gehen mit dem Umdenken, was den Zustand unseres Planeten angeht, sagt sie.

VOLL50: Welches ethische Prinzip ist mit voll50 nicht verhandelbar?

Gertraud Klemm: Die aufrichtige Selbstreflexion, was den Zustand unseres Planeten betrifft und dass es persönliche Konsequenzen haben muss. Mit 50 sollten wir so weit sein, jeden Konsum, jede Reise, jedes Schnitzel, jedes Ohrenstäbchen und jede Wählerstimme genau zu hinterfragen, damit für die Generationen danach noch Ressourcen und ein lebenswerter Planet übrig bleibt. Wenn ich mir ansehe, wie nachhaltig, besorgt und wohlbedacht die jüngeren Generationen ihr Leben gestalten, tut es mir besonders weh, älteren Generationen beim Konsumieren und Wählen ohne Reue und Hirn zuschauen zu müssen. Um zu kapieren, dass wir da eine Revolution brauchen, muss man keine eigenen Kinder haben. Allerallerspätestens mit 50 sollte uns diese Verantwortung bewusst sein. Alles andere ist bösartige Ignoranz.

VOLL50: Willenskraft und Loyalität – Gegner oder Geschwister?

Gertraud Klemm: Geschwister, die sich nicht immer gut verstehen müssen. Willenskraft in der Sache und Loyalität mit Menschen, die meine Loyalität verdienen. Im Detail kann es kniffelig werden – aber ich habe eine Faustregel: dort, wo sie einander gegnerisch verhalten, liegt, zumindest in meinem Arbeitsbereich, ein Hund begraben, der vielleicht auf den ersten Blick gar nicht als ein solcher ersichtlich ist. Aber ich habe es auch leicht. Ich arbeite als Einzelperson, gehöre keiner Struktur an und bin keine Politikerin. Die müssen sich die Frage dauernd stellen.

VOLL50: Wann sollte frau mit voll50 unbedingt Gefühle zeigen?

Gertraud Klemm: Privat: wann immer es pressiert. Beruflich: nur wenn es notwendig ist, und sehr dringlich. In meinem Beruf wird es schnell haarig: Ernsthaftigkeit, Gefasstheit, Bühnentauglichkeit, Schlagfertigkeit – das sind alles Eigenschaften, die nicht mit großen Emotionen zusammengehen. Andererseits evoziert der Text ja Emotion – die muss aber beim Text bleiben, finde ich. Das geht halt nicht immer. Angst, Tränen, Rührung, Freude – vor einem Publikum werden Gefühle schnell zu unfreiwilligen Inszenierungen. Wir sind aber keine Schauspielerinnen!
Ich bin einmal nach vier wahnsinnig aufregenden und anstrengenden Tagen beim Bachmannwettbewerb in Tränen ausgebrochen – den verächtlichen Blick einer Jurorin werd ich nie vergessen. Die Blöße würde ich mir nicht mehr geben – heute würde ich am Klo weinen, mir das Gesicht waschen und dann wieder Souveränität ausdünsten. Mit dem Zeigen von Emotionen bin ich viel kompetenter geworden. Das ist das Schöne am Altern: dieser reiche Erfahrungsschatz.

VOLL50: Ist frau irgendwann einmal gut genug in dem, was sie tut oder ist?

Gertraud Klemm: Das Gutsein hängt meiner Meinung nach mit der Lebenserfahrung zusammen. Je genauer und mehr Erfahrungen, desto besser das Handwerk der Imagination, und auch das der Empathie – und das ist ja nicht nur beruflich, sondern auch gesellschaftlich sehr wertvoll. In meinem Beruf aber besonders. Andererseits müssen sich auch die Prioritäten verschieben dürfen. Solange noch Engagement, Kraft oder Feuer da ist, möchte ich mich noch beruflich steigern dürfen. Je älter ich werde, desto mehr sehe ich, was meine Bücher und Texte verbindet; und dass alles auf ein Werk hinausläuft, das langsam wächst und dessen Endgestalt ich nicht kenne. Derzeit sehe ich die nächsten drei Bücher schon ziemlich konkret. Momentan kann ich mir nicht vorstellen, dass mir die Ideen und der Spaß jemals ausgehen – im Gegenteil. Aber ich will auch mal müde werden dürfen. Oder gemächlicher. Was mich antreibt – zum Beispiel diese Frauenthemen – ist kein realistisches Ziel für meine verbleibende Lebenszeit, auch nicht, wenn ich sehr alt werde. Gegen solche Zustände jahrzehntelang anzuschreiben, ohne das sich was verbessert (sondern sich vielleicht sogar verschlechtert, sowie gerade in USA, Ukraine und Afghanistan), verlangt mir jetzt schon viel ab. Irgendwann hat man vielleicht alles schon gesagt und sich schon mehrfach wiederholt. Das passiert mir doch schon jetzt, dass ich mir denke: verdammt, dieser Text ist wie Erbrochenes, das ich jetzt sortiere, aber wenigstens ist es mein eigenes. Das alles ohne Verbitterung hinzukriegen, wird schon eine Challenge. Wenn ich überhaupt alt werden darf. Vielleicht habe ich auch irgendwann einmal ausgeschrieben; das soll dann auch so sein dürfen. Ich wünsche mir, dass ich das dann auch mitkriege und es annehmen kann. Dann kann ich ja was Neues beginnen – etwa endlich ein Gemüsebeet anlegen, das Klavierspiel intensivieren, oder in die Vogelbeobachtungen eintauchen. In diesen Dingen würde ich schon lange gerne auch gut sein.

VOLL50: Wofür sollte frau sich mit voll50 engagieren?

Gertraud Klemm: Für irgendetwas, nein, für alles, was mit Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit zu tun hat. Das sind wir den Generationen nach uns schuldig.

www.gertraudklemm.at

„Jetzt will ich’s nochmal wissen“

Zur Lebensmitte noch einmal durchstarten, nach neun Jahren Singledasein sich frisch verlieben – das passt alles in das Leben von Claudia Held. Sie möchte vergebene Chancen nie bereuen müssen.

VOLL50: Wann war der Drang zur Selbstverwirklichung nicht mehr auszuhalten?

Claudia Held: Mit 50, Halbzeit – jetzt will ich’s nochmal wissen. Die Tochter aus dem Haus, privat endlich angekommen, hatte ich schon länger den Drang, dass da noch mehr geht. Und mit der Eröffnung meiner kleinen Krimi-Fachbuchhandlung erfüllte ich mir einen lang gehegten Traum, doch dieses Herzensprojekt würde es ohne die tatkräftige Unterstützung meiner Familie nicht geben.

VOLL50: Woran erkennt man mit voll50 einen Menschen mit Charisma?

Claudia Held: Herzlichkeit, positive Ausstrahlung und gesunde Einstellung zum Leben. Eins sein mit sich und der Welt.

VOLL50: Wann wird aus Trauen Ver-Trauen?

Claudia Held: Der erste Schritt ist bekanntlich der schwierigste. Mit 50 den geregelten Job an den Nagel hängen und mich selbstständig zu machen, war so einer für mich, aber man muss sich TRAUEN, denn verpasste Chancen wird man am Ende immer bereuen.

Mit dem VERTRAUEN ist es fast noch schwieriger. Denn Vertrauen bedeutet Zeit. Vertrauen kann nur mit der Zeit entstehen, und da wir alle in einer sehr schnellen Zeit leben und die Ungeduld immer wieder aufkommt, heißt es durchhalten, egal ob beruflich oder privat. Doch wenn man am Ende zurückblickt, in meinem Fall auf ein Jahr Selbstständigkeit, weiß man, dass es sich lohnt, auf sich selbst zu VERTRAUEN.

Wenn Zweifel und Ungeduld versuchen die Oberhand zu gewinnen, begleiten mich immer zwei Leitsprüche: „Wenn eine Tür zu geht, geht ein Fenster auf“ und „Alles hat seine Bestimmung und wird am Ende gut“

VOLL50: Wie schafft frau mit voll50 den Übergang von der Selbstakzeptanz zur Selbstliebe?

Claudia Held: Ich bin froh, dass meine Mutti uns, meine jüngere Schwester und mich, früh in allem bestärkt hat ( Aussehen, Schule,..) und ich sehr unproblematisch durch meine Teenagerjahre gelaufen bin. Ich habe mich immer in meinem Körper, Beruf, Leben wohl gefühlt und mich immer so akzeptiert, wie ich bin. Dann mit Mitte zwanzig war ich auf einmal Single und alleinerziehend. Diese lange Zeit hat mich sicher sehr geprägt, so dass aus meiner Selbstakzeptanz Selbstliebe geworden ist. In dieser herausfordernden Zeit hatte ich, trotz allem, viel Zeit für mich (ME TIME), und ich bin überzeugt – wenn wir alle mehr auf uns selbst achten – , dass der Übergang von Selbstakzeptanz zur Selbstliebe leichter und früher sein kann. Und es wäre schön, wenn Selbstliebe nicht vom Alter abhängig wäre.

VOLL50: Muss ein Singledasein weh tun?

Claudia Held: Nein, ich war über 10 Jahre Single und ALLEIN-erziehend, aber nie EINSAM! Ein Netzwerk bestehend aus meiner Familie, alten und neuen Freunden, netten Arbeitskollegen und Vereinsfreunden hat nie Einsamkeit aufkommen lassen. Ich habe meine Freiheit/ Alleinsein/Me Time auch sehr genossen. Vor neun Jahren habe ich mich von meinem Single-Lebensabschnitt verabschiedet, weil ich meinen jetzigen Mann über Freunde kennengelernt habe. und ein neuer Lebensabschnitt hat begonnen.

https://www.krimihelden.at/

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