Die Kreativität beginnt sich zu entfalten

Mutig nennt Renate Fuchs-Haberl die Situation von „Voll50“-Frauen beim Namen, bringt sie zusammen und entwickelt daraus ihre ganz eigene Sicht auf das Leben.

VOLL50: Worin liegt die Stabilität mit voll50?

Renate Fuchs-Haberl: Meine Stabilität ruht auf verschiedene Säulen. Die stärkste davon ist meine Verbindung zu Mutter Erde und ihren Kräften. Durch meine intensive, persönliche und berufliche Beschäftigung mit dem Jahreslauf und den Zyklen der Natur fühle ich mich eingebunden, getragen und genährt vom „Netz des Lebens“. Je älter ich werde, desto kraftvoller erlebe ich mich als Teil der Natur, als Tochter der Erde.

Eine wichtige Säule ist für mich auch das Wissen um unsere weibliche Kulturgeschichte, um unsere großen Vorgängerinnen. Das schamanisch-matriarchale Weltbild, in dem Frauen, die nicht mehr bluten, als die weisen Frauen des Volkes verehrt und geachtet werden, schenkt mir die Erkenntnis, als reife Frau nicht „zum alten Eisen“ zu gehören, wie dies die gängige Rollenzuschreibung im Patriarchat für „voll50“-Frauen ist, sondern eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe in der Weitergabe des alten Frauenwissens an die jüngeren Generationen innezuhaben.

VOLL50: Was verlässt Du gerne?

Renate Fuchs-Haberl: Deshalb verlasse ich am liebsten die Rollendefinitionen, welche das Patriarchat für uns „voll50“ und generell für Frauen parat hat. Ich bringe in meinem Tun die Heilige wieder mit der Hure zusammen, die katholische Maria mit der vorchristlichen Göttin. Auch in meinem persönlichen Leben verlasse ich gerne die Schubladen, in die mich Menschen einsortiert haben, indem ich verschiedene Facetten des Frauseins lebe und mich in den unterschiedlichsten Kreisen bewege.

VOLL50: Was ist mit voll50 wichtiger: Korrektheit oder Coolness?

Renate Fuchs-Haberl: Das kommt darauf an, wie frau mit „voll50“ diese Begriffe für sich definiert. „Korrektheit“ im Sinne von Wahrheit, Wirklichkeit, Gerechtigkeit und Solidarität erachte ich als zentral wichtige Eigenschaften, sowohl auf der gesellschaftlichen Ebene als auch mir selbst gegenüber. „Coolness“ in der Bedeutung von Ausgeglichenheit, Ungezwungenheit, Selbstverständlichkeit, Gleichmut und Bedachtsamkeit geben mir auf meinem Frauenweg einen tragfähigen Boden, auf dem viele meiner Schritte leichter fallen. Deshalb bin ich auch bei diesen beiden Begriffen fürs Vereinen und Verbinden.

VOLL50: Wann gibst Du das Optimieren auf?

Renate Fuchs-Haberl: Auch bezüglich dem „Optimieren“ stelle ich mir als erstes die Frage, was will ich darunter verstehen, auf welchen Bereich meines Lebens beziehe ich es und wieso will ich diesen oder jenen Bereich meines Lebens gestalten, verbessern, überarbeiten, umgestalten und zur Entfaltung bringen oder auch nicht. All das hat für mich viel mit gelebter Kreativität zu tun, die sich aus mir grade nun im Wechsel wieder verstärkt zu entfalten beginnt. Deshalb stellt sich für mich mit „voll50“ viel mehr die Frage, wo ich noch mehr von dieser gestalterisch-schöpferischen Frauenkraft in mein berufliches und privates Leben einfließen lassen kann.

VOLL50: Welchen Zusammenhang siehst Du zwischen stehen und verstehen?

Renate Fuchs-Haberl: Um wirklich und wahrhaftig zu mir selbst stehen zu können, muss ich verstehen, was mit mir als Frau im Patriarchat über Generationen passiert ist. Wieso meine Mutter, meine Großmütter so geworden sind, wie sie sind. Wie sich die ihnen eingepflanzten Glaubenssätze, ihre Traumatisierungen, ihre Erfahrungswelten bis heute auf mich auswirken. Seit ich diese Zusammenhänge mehr und mehr verstehe und wie all das dem Patriarchat dient, kann ich diese Prägungen Schritt für Schritt erkennen, anschauen, hinterfragen und heilen und damit wirklich für mich selbst als die Frau, die ich bin und sein will, einstehen.

www.wildmohnfrau.at

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