„Es müssen sich die Prioritäten verschieben dürfen“

Fotocredit: Bernd Alfanz

Beruflich zeigt Gertraud Klemm ihre Gefühle nur dann, wenn es notwendig ist. Privat kommen sie raus, wenn es pressiert. Schnell muss es auch gehen mit dem Umdenken, was den Zustand unseres Planeten angeht, sagt sie.

VOLL50: Welches ethische Prinzip ist mit voll50 nicht verhandelbar?

Gertraud Klemm: Die aufrichtige Selbstreflexion, was den Zustand unseres Planeten betrifft und dass es persönliche Konsequenzen haben muss. Mit 50 sollten wir so weit sein, jeden Konsum, jede Reise, jedes Schnitzel, jedes Ohrenstäbchen und jede Wählerstimme genau zu hinterfragen, damit für die Generationen danach noch Ressourcen und ein lebenswerter Planet übrig bleibt. Wenn ich mir ansehe, wie nachhaltig, besorgt und wohlbedacht die jüngeren Generationen ihr Leben gestalten, tut es mir besonders weh, älteren Generationen beim Konsumieren und Wählen ohne Reue und Hirn zuschauen zu müssen. Um zu kapieren, dass wir da eine Revolution brauchen, muss man keine eigenen Kinder haben. Allerallerspätestens mit 50 sollte uns diese Verantwortung bewusst sein. Alles andere ist bösartige Ignoranz.

VOLL50: Willenskraft und Loyalität – Gegner oder Geschwister?

Gertraud Klemm: Geschwister, die sich nicht immer gut verstehen müssen. Willenskraft in der Sache und Loyalität mit Menschen, die meine Loyalität verdienen. Im Detail kann es kniffelig werden – aber ich habe eine Faustregel: dort, wo sie einander gegnerisch verhalten, liegt, zumindest in meinem Arbeitsbereich, ein Hund begraben, der vielleicht auf den ersten Blick gar nicht als ein solcher ersichtlich ist. Aber ich habe es auch leicht. Ich arbeite als Einzelperson, gehöre keiner Struktur an und bin keine Politikerin. Die müssen sich die Frage dauernd stellen.

VOLL50: Wann sollte frau mit voll50 unbedingt Gefühle zeigen?

Gertraud Klemm: Privat: wann immer es pressiert. Beruflich: nur wenn es notwendig ist, und sehr dringlich. In meinem Beruf wird es schnell haarig: Ernsthaftigkeit, Gefasstheit, Bühnentauglichkeit, Schlagfertigkeit – das sind alles Eigenschaften, die nicht mit großen Emotionen zusammengehen. Andererseits evoziert der Text ja Emotion – die muss aber beim Text bleiben, finde ich. Das geht halt nicht immer. Angst, Tränen, Rührung, Freude – vor einem Publikum werden Gefühle schnell zu unfreiwilligen Inszenierungen. Wir sind aber keine Schauspielerinnen!
Ich bin einmal nach vier wahnsinnig aufregenden und anstrengenden Tagen beim Bachmannwettbewerb in Tränen ausgebrochen – den verächtlichen Blick einer Jurorin werd ich nie vergessen. Die Blöße würde ich mir nicht mehr geben – heute würde ich am Klo weinen, mir das Gesicht waschen und dann wieder Souveränität ausdünsten. Mit dem Zeigen von Emotionen bin ich viel kompetenter geworden. Das ist das Schöne am Altern: dieser reiche Erfahrungsschatz.

VOLL50: Ist frau irgendwann einmal gut genug in dem, was sie tut oder ist?

Gertraud Klemm: Das Gutsein hängt meiner Meinung nach mit der Lebenserfahrung zusammen. Je genauer und mehr Erfahrungen, desto besser das Handwerk der Imagination, und auch das der Empathie – und das ist ja nicht nur beruflich, sondern auch gesellschaftlich sehr wertvoll. In meinem Beruf aber besonders. Andererseits müssen sich auch die Prioritäten verschieben dürfen. Solange noch Engagement, Kraft oder Feuer da ist, möchte ich mich noch beruflich steigern dürfen. Je älter ich werde, desto mehr sehe ich, was meine Bücher und Texte verbindet; und dass alles auf ein Werk hinausläuft, das langsam wächst und dessen Endgestalt ich nicht kenne. Derzeit sehe ich die nächsten drei Bücher schon ziemlich konkret. Momentan kann ich mir nicht vorstellen, dass mir die Ideen und der Spaß jemals ausgehen – im Gegenteil. Aber ich will auch mal müde werden dürfen. Oder gemächlicher. Was mich antreibt – zum Beispiel diese Frauenthemen – ist kein realistisches Ziel für meine verbleibende Lebenszeit, auch nicht, wenn ich sehr alt werde. Gegen solche Zustände jahrzehntelang anzuschreiben, ohne das sich was verbessert (sondern sich vielleicht sogar verschlechtert, sowie gerade in USA, Ukraine und Afghanistan), verlangt mir jetzt schon viel ab. Irgendwann hat man vielleicht alles schon gesagt und sich schon mehrfach wiederholt. Das passiert mir doch schon jetzt, dass ich mir denke: verdammt, dieser Text ist wie Erbrochenes, das ich jetzt sortiere, aber wenigstens ist es mein eigenes. Das alles ohne Verbitterung hinzukriegen, wird schon eine Challenge. Wenn ich überhaupt alt werden darf. Vielleicht habe ich auch irgendwann einmal ausgeschrieben; das soll dann auch so sein dürfen. Ich wünsche mir, dass ich das dann auch mitkriege und es annehmen kann. Dann kann ich ja was Neues beginnen – etwa endlich ein Gemüsebeet anlegen, das Klavierspiel intensivieren, oder in die Vogelbeobachtungen eintauchen. In diesen Dingen würde ich schon lange gerne auch gut sein.

VOLL50: Wofür sollte frau sich mit voll50 engagieren?

Gertraud Klemm: Für irgendetwas, nein, für alles, was mit Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit zu tun hat. Das sind wir den Generationen nach uns schuldig.

www.gertraudklemm.at

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