Genügend Lebensweisheit für den richtigen Weg

Voll50 zu sein, ist kein Garant für Einsicht, sagt Alexandra Eichenauer-Knoll. Und doch sieht sie es als eine Aufgabe für Frauen in unserem Alter, jungen Menschen ethische Grundlagen anzubieten und sie zu unterstützen.

VOLL50: Was macht mit voll50 Charisma aus?

Alexandra Eichenauer-Knoll: Ich denke, es hat viel mit Authentizität zu tun, also auch mit Ehrlichkeit. Wer bin ich, was sind meine Anliegen, wofür stehe ich und auch – was kann ich nicht, wo sind meine Schwächen? Die Umstellung auf meine echte Haarfarbe war eine harte Schule, das Hadern mit dem Spiegelbild. Jetzt genieße ich es, niemanden etwas vorspielen zu wollen. Es macht mich freier für das Wesentliche. So ist es auch, wenn wir einen Standpunkt beziehen: je klarer und ehrlicher, desto einfacher letztlich. Ich versuche das auch beim Schreiben, ehrlich zu sein, hinspürend und die Welt aus meinem Erfahrungshorizont zu erklären. Das bedeutet auch zuzugeben, dass dieser begrenzt ist.

VOLL50: Wieviel Demut liegt im Mut?

Alexandra Eichenauer-Knoll: Ganz viel, meine ich. Aber zuerst braucht es, glaube ich, etwas anderes: Im Yoga üben wir mit tapas, was Disziplin, aber auch Begeisterung für eine Sache meint. Mit der Konsequenz wächst die Selbstwirksamkeit, und damit auch ein Gefühl für das, was ich mir zu-muten kann, körperlich, aber auch psychisch. So gesehen kommt der Mut auch aus der Erfahrung. Über-mut tut sprichwörtlich selten gut, weil er leider oft auf einer Fehleinschätzung, also auf einem Erfahrungsmangel, beruht. Demut setzt für mich die Bereitschaft voraus, zutiefst loszulassen, von all meinen Vorstellungen und Erwartungen. Das heißt aber auch, möglicherweise loszulassen von all dem, was ich mit meinem Üben und meiner Konsequenz erreicht habe, um zu erkennen, dass es vielleicht ganz etwas anderes braucht. Es nicht leicht, den Mut zu haben hinzusehen und sich einzugestehen: Was braucht es gerade jetzt wirklich?

VOLL50: Welcher ethische Wert ist mit voll50 wichtiger als mit 30?

Alexandra Eichenauer-Knoll: Als Yogalehrende beziehe ich mich in ethischen Fragen auf die Yoga-Sutren, genauer auf die fünf Yamas – Gewaltfreiheit, Wahrhaftigkeit, Rechtsdiebstahl, gemäßigter Lebenswandel und Nicht-Horten. Ich habe versucht, diese in meinem Buch durchzudenken und auch persönliche Beispiele zu geben. Ich könnte allerdings nicht sagen, dass ein Wert mit voll50 wichtiger ist als mit voll30. Ich denke, das ist individuell auch ganz verschieden. Viele sehr junge Leute setzen sich gerade jetzt für Zukunftsthemen, wie Umweltschutz oder geflüchtete Menschen, ein. Ich würde eher sagen, dass es ganz allgemein wichtig ist, Aktionen und Taten durch ethische Grundlagen zu festigen, damit es nicht bei oberflächlichem Aktionismus und provokanten Sagern bleibt. Vielleicht ist es unsere Aufgabe als Frauen mit voll50, darauf mehr hinzuweisen beziehungsweise Unterstützung zu bieten.

VOLL50: Wie erkennst Du Selbstsabotage-Mechanismen?

Alexandra Eichenauer-Knoll: Es ist uns oft gar nicht bewusst, wie sehr unsere Handlungen und Entscheidungen von Emotionen, aber auch von inneren Sagern beeinflusst werden. Ich habe auch einige solcher Sprüche, die ich unreflektiert in meinen Teenagertagen aufgeschnappt habe und die seit damals weiterwirken. In der Yogafürsorge spricht man von Svadhyaya, der Kunst der Selbsterforschung. Wie sehr steuern meine Gefühle meine Gedanken, welche Art Gedanken tauchen bei mir auf, welche Treiber werden mir bewusst, wenn ich zum Beispiel über mein Leben nachdenke? Da kann auch Schmerz aufkommen, Wut über andere und vertane Chancen. Ich finde es sinnvoll, sich diese konkreten Fragen im stillen Rückzug zu stellen. Es bringt Klarheit und erst, wenn mir etwas bewusstgeworden ist, kann ich mich auch bewusst davon verabschieden. Im Yoga geht es viel um das Auflösen – von körperlichen Anspannungen und Blockaden, aber auch von negativen Gefühlen und unheilsamen Verhaltensmuster im Alltag. Es ist wichtig, liebevoll, verzeihend und humorvoll zu sich selbst zu sein und keinen Druck aufzubauen. Alles braucht Zeit.

VOLL50: Kommt man mit voll50 dem inneren Kind näher oder entfernt man sich eher davon?

Alexandra Eichenauer-Knoll: Ich bin keine Psychotherapeutin und arbeite nicht mit dem Konzept des inneren Kindes. Soviel ich weiß, steht es im übertragenen Sinn auch für Intuition und Bauchgefühl. Als Yogapädagogin unterrichte ich das hinspürende Ankommen im Bauchraum, auch mit dem Ziel das Grundvertrauen zu stärken. Und wir üben uns im Loslassen von Konzepten, was uns frei macht für Intuition. Es ist, so sehe ich das, eine bewusste Entscheidung, will ich das üben oder nicht? Ich kann mein Grundvertrauen und meine Intuitionsfähigkeit stärken, oder ich kann mein Misstrauen füttern und denen glauben, die am lautesten schreien. Frauen mit voll50 haben genügend Lebensweisheit, diese Weggabelung zu verstehen und den richtigen Weg zu gehen. Aber es braucht Mut und die Zeit, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Das Alter alleine ist kein Garant für Einsicht.

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