„Willen zurückstecken, aber immer in Freiwilligkeit und in Bewusstheit“

Fotocredit: GABRIELE SCHWAB https://www.lightup-photography.com/

Claudia Lämmermayer ist viele Umwege gegangen und dadurch in ihre Kraft gekommen. Nicht zuletzt deshalb plädiert sie für ein neues Selbstbild der „alten, weisen, und sinnlichen“ Frau, das sehr bunt sein darf.

VOLL50: Wie aktiviert man sich mit „voll50“, wenn man einmal gaaaaar nicht mag?

Claudia Lämmermeyer: Gaaaaar nicht mehr! Entweder ich mache was gerne oder gar nicht. Ich habe in meinem Leben mit viel Mühe und Reflexion erreicht, das ich jetzt mit fast 60 auch nicht mehr mögen muss. Meine Vergangenheit war eine Geschichte des „Müssens“. Aufgewachsen bin ich in einer Arbeiterfamilie mit einem gewalttätigen Vater, einer bedürftigen Mutter und einem Nachbarn, der mich vom 6. Lebensjahr an sexuell missbrauchte. Da war es für mich überlebensnotwendig, nicht zu fühlen und immer zu mögen! Mein unerschütterlicher Glaube an Entwicklung, unzählige Therapiestunden, meine gute Anbindung an die Welt des Spirituellen, wunderbare Menschen und das Leben an sich haben mich heil gemacht. Es war ein langer Weg. Zuerst ging es darum, die eigenen Wünsche erst mal zu fühlen und dann auch noch sie umzusetzen. Da waren schon auch einige Umwege dabei.

Jetzt bin ich in der glücklichen Lage, dass ich mich zu nichts mehr aktivieren muss. Natürlich brauchen die Notwendigkeiten des Lebens, wie zum Beispiel die Buchhaltung oder die Katzenkiste auszuräumen, etwas Disziplin, aber damit hat es sich auch schon. Das Gefühl von Antriebslosigkeit kenne ich nicht. Ich durfte keine höhere Schule besuchen und bin mit 16 daheim ausgezogen. Jetzt liebe ich es zu lernen und in meinem eigenen Unternehmen DIE Arbeit zu machen, die mir Sinn, Freude und Erfüllung bringt. Meine Umwelt unterstellt mir, dass mein Tag 48 Stunden hätte. Das wäre so genau das Richtige für mich. Und damit ich alle meine Leidenschaften noch unterbringe, habe ich mir vorgenommen, dass ich mindestens guterhalten 100 Jahre alt werde.

VOLL50: Welches „ich bin“ in Deinem Leben mochtest du bislang am liebsten?

Claudia Lämmermeyer: Zu 100 Prozent das jetzige. Denn je reifer ich werde, desto authentischer bin ich, und so wie ich jetzt bin, kann ich mich wirklich gut leiden. Ich genieße dieses ICH BIN im Hier und Jetzt wirklich sehr. Durch meine unendliche Neugier hole ich mir viel Buntheit in mein Leben. Und mit einer gehörigen Portion Humor mache ich auch oft verrückte Dinge. Eine Firma gründen, den LKW-Führerschein machen, griechische Musik singen, alternative Hochzeiten und Taufen zu organisieren, Vulven aus Filz zu nadeln, Märchen zu schreiben und vieles mehr. Auf der Suche nach (m)einer spirituellen Heimat bin ich auch gleich zweimal aus der katholischen Kirche aus- und wieder eingetreten. Würden die Kirchenmänner die Ordination für Frauen erlauben, wäre ich vermutlich auch noch Pfarrerin geworden. Obwohl – als feministische Theologin war es mir schon auch bald klar, dass die eingeschränkte Sichtweise der christlichen Religion zu wenig ist. Ein nur männliches Gottesbild geht gar nicht mehr. Ergänzt durch die matriarchale Spiritualität habe ich jetzt zu einem wirklich feinen Glauben und Vertrauen in die göttlichen Welten gefunden. Das erdet mich, gibt mir Kraft und Liebe! Und vielleicht gründe ich ja noch eine neue Religion – wer weiß? Ich bin in den besten Jahren. Ich erlaube mir auch, täglich zu entscheiden, ob etwas gut für mich ist. Nachzufühlen, ob es lustvoll, sinnvoll ist, ob es Spaß macht, Geld bringt… Diese Freiheit empfinde ich als wirkliches Geschenk. Ich fühle eine große Dankbarkeit für mein jetziges Leben.

Ich bin auch unerschrocken genug, um Ungerechtes anzusprechen und dafür auch aktiv zu werden. Speziell die Lebenswelten und die Ungleichbehandlung der Frau sind mir ein besonderes Anliegen. Das ewige Patriarchat hat hier leider tiefe Spuren hinterlassen.

VOLL50: Inwiefern ist man mit „voll50“ jenseits von Gut und Böse?

Claudia Lämmermeyer: Ich habe gerade mal überlegt, wie du die Frage meinst. Und ich habe mich entschieden, sie für den Bereich der Sexualität zu beantworten. Denn über Sexualität der Frauen wird viel zu wenig gesprochen. Das hat bei uns keine Tradition. Leider! Ich fühle mich sehr sinnlich und genieße und liebe erotisches Tun. Ich habe mich aufgrund meiner traumatischen Missbrauchserfahrungen mit dem Thema sehr lange beschäftigt. Mein Lebensthema war es, darauf zu warten, geliebt zu werden. Aber ich hatte mir Partner und Partnerinnen gesucht, die hier zum Glück nicht mitspielten. Denn dadurch war ich auf mich selbst zurückgeworfen und konnte erst mal die „alten“ Bedürfnisse erkennen und in mir klären. Ich begab mich auf die Suche nach Selbstliebe und Selbstakzeptanz. Es war und ist ein langer Weg! Bei einem ganz guten Pegel an Selbstliebe angekommen, erkannte ich dann auch, dass mir die standardisierte Sexualität in meiner Beziehung keinen Spaß mehr machte. Ich hatte keine Orgasmus-Probleme oder Berührungsängste, aber es passte einfach nicht mehr. Es war dann schon echt ein Ehrlichkeits-Kracher als ich sagte: „Stopp, gerne, aber so nicht“. Mit dieser Klarheit habe ich meinen Partner sehr verschreckt – bis jetzt! Ich liebe meinen Mann, aber das bekommen wir irgendwie gemeinsam nicht auf die Reihe. Vielleicht sind wir da einfach nicht kompatibel? Wir Frauen sollten uns nicht nur mögen oder gut finden, was wir denken und tun. Wir dürfen uns auch körperlich spüren, annehmen und uns selbst erotisch lieben. Ich höre dann oft: „Ach, der Sex ist mir nicht mehr so wichtig, das ist vorbei, das hat keine Bedeutung mehr.“ Aber bitte!!! Wie kann denn die körperliche Erfahrung mit mir selbst keine Bedeutung mehr haben? Ich glaube, das ist ganz viel Vermeidungsverhalten dabei. Es hat halt auch keine Geschichte, dass die Eigensinnlichkeit wirklich Raum haben darf.

Eine ganze Industrie ist darauf ausgerichtet, die „alte“ Frau – jenseits von Gut und Böse nicht alt werden zu lassen und fit zu halten, auf Hometrainer zu setzen, mit Verdauungskapseln zu füllen aber um was zu tun? Zu gefallen? Dem Panikbild der „alten Frau“ entgegenzustehen? Ja – aber warum? Ich denke, es gehört ein neues Selbstbild der „alten, weisen, und sinnlichen“ Frau her, das sehr bunt sein darf.

VOLL50: Wie könnte die ideale Verbindung zwischen Weisheit und Inspiration aussehen und gelebt werden?

Claudia Lämmermeyer: Inspiration ist mein zweiter Vorname – manchmal habe ich zu viel dieser Energie und sprudle über mit neuen Gedanken, neuen Produktideen. Ich bin da wie ein Radio, das auf Empfang steht und über die verschiedenen Kanäle Inputs bekommt. Die Kanäle können die nicht zufälligen Zufälligkeiten sein oder ein göttlicher Download oder ein Buch, eine Begegnung… Inspirationen kommen auf mich zu!

Mit der Weisheit ist es da nicht ganz so einfach. Weisheit wächst im Innen. Das ist nichts, was ich wirklich erlernen könnte. Sie entsteht über meine Erfahrungen. Es hat mich durchs Leben gebeutelt, und wenn ich das Erlebte reflektieren und in ein gutes Leben umändern kann, dann komme ich in die Energie von Weisheit. Aber wer definiert, ob das nun weise ist? Weisheit wird gerne mit dem „Alter“ in Verbindung gebracht. Ich bin jetzt 50+. Bin ich dadurch weise? Was macht mich weise? Ich kenne so viel superbescheuerte 50,60,70+ Menschen, dass ich nicht denke, dass Weisheit mit dem Alter automatisch kommt.

Was mir aber gut gefällt ist das System der Archetypen. Hier beginnt die junge Frau in ihrer weißen Qualität mit der Inspiration, die übernommen wird von der rote Frau der Umsetzung und die in der Blüte ihres Lebens steht. Diese Dreifaltigkeit führt dann über in die weise Alte, die in der letzten Triade reflektiert, zurückschaut, Abschied nimmt… und wieder neu geboren wird in der jungen Frau. Körperlich können wir diesen Zyklus nur einmal machen, aber emotional, in Projekten, in mentalen Angelegenheiten ist das ein wunderbares Kommen-Sein-Vergehen – UND wieder Kommen!

VOLL50: Welche Rolle spielt der eigene Willen mit „voll50“?

Claudia Lämmermeyer: Eine große Rolle. In meiner Jugend war ich nämlich ein willenloses Wechseltierchen. Hatte ich einen Freund mit einem Pferd, fing ich zu reiten an, hatte ich einen belesenen Partner, kaufte ich mir Rilke (ohne ihn zu lesen) und mit meinem Biologen ging ich in den Wald, um Knospen zu bestimmen. War ich bei Diskussionen mit dabei, hielt ich mich vornehm zurück, da ich sehr oft keine Idee hatte, was ich dazu sagen sollte. Es kam in meinem Leben zu allerlei schrägen Entscheidungen. Mit 16 mietete ich ein Abbruchhaus und machte eine WG draus. Mit 17 dachte ich, es wäre cool als Prostituierte zu arbeiten und hatte bereits einen Freund, der mich an seinen Freund „vermieten“ wollte. Dann schlitterte ich mit einem sehr jähzornigen Mann in meine erste Schwangerschaft, um kurz darauf in Wien die Abtreibung durchführen zu lassen. Damals sang ich in einer Country-Band und war ziemlich dynamisch unterwegs. Hättest du mich damals gefragt „Welche Rolle spielt dein eigener Wille!“ wäre meine Antwort gewesen „Ich mache ja eh, was ich will.“ Natürlich spürte ich, dass etwas nicht stimmte, aber es war mir noch nicht möglich, das zu erkennen.

Heute, nach vielen Jahren der Aufarbeitung und Klärung, denke ich zumindest, dass ich in großen Teilen meines Lebens weiß, was ich will, wobei ich bei vielen Entscheidungen sehr unkompliziert bin. Wenn ich allerdings meine Freiheit, Autonomie oder Gleichberechtigung bedroht sehe, dann kommt meine innere Tigerin zum Einsatz, und ich erkläre lautstark, was mein Wunsch, mein Wille ist. Ich kann gut Kompromisse mittragen – besonders wenn sie dem Gemeinwohl dienen. Ich kann geben und meinen Willen zurückstecken, aber das passiert immer in Freiwilligkeit und in Bewusstheit. Es ist ein gutes Gefühl, zu spüren, dass der Wille da ist und gelebt werden kann oder in Freiheit zurückgenommen wird.

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