„Endlich Zeit, auf das Herz zu hören“

Anstöße, die eigene Biographie gerne zu teilen, gibt es viele, sagt Gudrun Winklhofer – vor allem wenn man ein Leben wie sie geführt hat, das zuerst vom Niederreißen und dann vom Bewahren erzählt.

VOLL50:Was will frau mit voll50 noch niederreißen?

Gudrun Winklhofer: Niederreißen sollen wir Frauen die Vorstellung, es allen recht machen zu müssen – egal, ob mit 30, 40, 50 oder wann immer. Niederreißen sollen wir auch die verfestigten Glaubenssätze, die uns Grenzen setzen und unsere Kreativität daran hindern, sich frei zu entfalten. Gerade dann, wenn wir mit voll50 mitten im Leben stehen. Die gelebten Jahre haben uns so vieles gelehrt. Wir haben gute und schlechte Erfahrungen gesammelt. Andere Menschen haben durch uns diese Erfahrungen gemacht. Haben wir jemanden verletzt, denken wir oft viel zu lange darüber nach. Auch wenn wir uns entschuldigt haben, bauen wir Mauern aus schlechtem Gewissen auf, diese sollten wir ebenfalls niederreißen. Viele Frauen – ich kenne einige – reißen mit voll50 alles nieder und schaffen Platz für sich und ihre Interessen. Die Familiensituation hat sich geändert, der Beruf macht keine Freude mehr. Endlich Zeit, auf das Herz zu hören und etwas Neues zu wagen.

„Niederreißen“, ein starkes Wort. „Gestalten“ gefällt mir persönlich in mancher Hinsicht besser. Vergleiche ich mein Leben mit einem Garten, habe ich viele Bäume, Sträucher und Blumen angepflanzt, gehegt und gepflegt. Habe sie mit Wasser und Nährstoffen versorgt, von welken Blättern und Blüten befreit, mit ihnen gesprochen und liebevoll ihre Blätter, Stängel und Stämme berührt. Trotz meiner Fürsorge haben nicht alle Pflanzen überlebt. So wie in einem Garten ist es auch in meinem Leben: Seit je her bin ich mehr oder weniger heftig am Umgestalten. Manche Entscheidungen – Trennungen, mein Umzug nach Spanien, fünf Jahre später die Rückkehr nach Österreich und viele andere Meilensteine – waren für mein Umfeld nicht so leicht nachvollziehbar. Wie viele Menschen haben mich insgeheim wohl für verrückt erklärt? Das möchte ich gar nicht wissen, es ist ja auch egal, es ist mein Leben. Niederreißen. Verändern. Erneuern. Für mich hat es sich angefühlt, als müsste ich fest verwurzelte Bäume ausgraben. Das war anstrengend! Und hat oft wehgetan! Und hat mich viel Kraft und Tränen gekostet! Trotzdem habe ich einiges niedergerissen, aber das war fast alles vor meinem 50. Lebensjahr. Jetzt, mit Ende 50, möchte ich lieber das bewahren, was mir gut gelungen ist. Ich möchte meinen Garten des Lebens gestalten und pflegen. Und ich möchte der Freigeistin in mir und meiner Kreativität Raum geben (vor allem dem Schreiben, das neben meinem Hauptberuf als Taxiunternehmerin leider viel zu kurz kommt).

Mit einigen Glaubenssätzen hadere ich noch. Die muss ich tatsächlich noch niederreißen. Und vielleicht auch einmal die Mauern, die ich nach mehreren Enttäuschungen um mein Herz errichtet habe. Die Freigeistin in mir und ich arbeiten daran. 😉

Zum Gestalten und Verändern passt mein Lebensmotto, das ich für mich gewählt habe:

„Bleib nicht immer so, wie du bist,

aber bleib immer du selbst.“

(GW)

VOLL50: Woran merkst du, dass die Intuition den Kopf überrumpelt hat?

Gudrun Winklhofer: Das ist eine gute Frage! Das merke ich sehr oft, in dem ich dankbar dafür bin, den „richtigen Riecher“ gehabt zu haben. Oft kann ich gar nicht nachvollziehen oder erklären, warum ich mich für oder gegen einen Menschen, eine Sache oder eine Situation entscheide. Dann frage ich mich, warum in alles in der Welt die Winklhoferin jetzt DAS macht! So manches Mal bekomme ich die Bestätigung für die Richtigkeit meines Tuns recht schnell, manchmal erst sehr viel später. Es ist tatsächlich so: Während Kopf und Herz hin und her überlegen, abwägen und sich hin und wieder streiten, hat die Intuition als lachende Dritte längst entschieden … Wir alle – ich nehme mich da nicht aus, denn immer höre ich auch nicht auf mein Bauchgefühl – sollten hin und wieder den Verstand ausschalten und der Intuition vertrauen!

VOLL50: Was muss passieren, damit frau mit voll50 die eigene Biographie gerne mit anderen teilt?

Gudrun Winklhofer: Frau muss authentisch sein, zu sich, zu ihren Gefühlen und zu ihrer eigenen Geschichte stehen. Ob und wie sehr sie andere daran teilhaben lässt, hängt von vielen Faktoren ab. Ein gewisses Mitteilungsbedürfnis haben wir doch alle, nicht wahr? Vertraue ich jemandem, erzähle ich mehr über mich. Ich denke, Menschen, die künstlerisch/kreativ tätig sind, lassen andere näher an sich heran, denn in ihren Werken zeigen sie ihre Seele und damit ein kleines Stück ihrer Biographie. Fällt es in der Malerei mehr auf oder in der Bildhauerei? In der Musik oder in der Literatur? Für mich und meine Sprachverliebtheit sind es die Worte. Wenn ich selber an einem Text arbeite, frage ich mich auch oft: „Ist das jetzt zu persönlich?“ „Lässt das zu sehr auf meinen Gemütszustand schließen?“ „Will ich das jetzt mit mir in Verbindung bringen?“ Doch ohne Authentizität lebt kein Text, kein Musikstück, kein Bild.

Anstöße, die eigene Biographie gerne zu teilen, gibt es viele. Erfreuliche Erlebnisse, überwundene Hindernisse, besondere Erfolge, aber auch die (Sehn-)Sucht nach Anerkennung. Die sozialen Medien erleichtern es ungemein, sich – zumindest für eine kurze Zeit – in den Mittelpunkt zu stellen und das Selbstwertgefühl aufzupolieren. Bedenklich? Nur dann, wenn der Drang zur Selbstdarstellung überhand nimmt.

Um auf die oben gestellte Frage zu antworten: Passiert ist die Einladung zu diesem Interview. Die Fragen, die Du, Claudia, mir stellst, „zwingen“ mich, in die Tiefe zu gehen, mich mit mir auseinanderzusetzen und Antworten niederzuschreiben. Einige Momentaufnahmen meiner Biographie zu teilen. Obwohl mir bewusst ist, dass Dein Blog öffentlich ist. Kann schon sein, dass ich mir später denke: „Ui, das war jetzt doch sehr persönlich.“

VOLL50: Warum kann Beobachten manchmal befreiender sein als Eingreifen?

Gudrun Winklhofer: Beobachte ich, bin ich aufmerksam. Ich fokussiere mich auf das Geschehen, aber ich bleibe passiv. Beobachten kann ich auch im Stillen, unbemerkt. Ich ziehe das, was ich sehe, in mich hinein, sauge die Eindrücke auf. Eingreifen resultiert aus einer Emotion – Freude, aber auch Ärger oder Wut. Greife ich in das Geschehen ein, werde ich aktiv, bin voll da, gehe aus mir heraus und zeige Präsenz. Dazu braucht es manchmal Mut.

Ich beobachte gerne. Alles um mich herum. Menschen, in deren Gesichtern sich Freude zeigt. Innige Begrüßungen am Flughafen. Das rasch wechselnde Farbenspiel des Morgen- oder Abendrots. Bäume, deren Blätter vom Wind sanft bewegt werden. Schlafende Hunde oder Katzen; so beruhigend. Die Vögel am Vogelhaus und die Libellen über dem Teich. Die Stockente, die sich das Hochbeet für ihr Gelege ausgesucht hat und zwischen Mangold, Rucola und Schnittlauch brütet. Die Spatzen, die in der Erde ihr Staubbad nehmen. Hummeln und Bienen, die von Blüte zu Blüte fliegen. Am Himmel ziehende Wolken. Züngelnde Flammen im Kamin. Wellen, die die Wasseroberfläche kräuseln. Die Weite des Meeres. Beim Beobachten – gerade in der Natur – kann ich die Gedanken ziehen lassen und Kraft tanken. Beobachten befreit. Die Freigeistin in mir mag das. Ich bin die Beobachterin, die viele Dinge wahrnimmt, die anderen verborgen bleiben. Das heißt aber nicht, dass ich nicht eingreife, wenn eine Situation es erfordert.

VOLL50: Auf welche Sprache sollte frau mit voll50 zurückgreifen, wenn sie mit ihrem Latein am Ende ist?

Gudrun Winklhofer: Na, dann greife ich auf Deutsch, Englisch oder Spanisch zurück … Scherz beiseite, das ist wieder so eine vielschichtige Frage.

Frau kann über sich selbst lachen und damit jede Situation entspannen. Sie kann ihrem Gegenüber ein entwaffnendes Lächeln oder eine Umarmung schenken. Frau kann aber auch einmal verbal auf den Tisch hauen und ihre Gefühle zeigen. Jedenfalls sollte sie authentisch sein und sich weder verstellen noch verbiegen. Manchmal bin ich auch mit meinem Latein am Ende. Wenn in einem Gespräch meine Argumente konsequent ignoriert oder nicht akzeptiert werden. Wenn ich einfach niedergeredet werde. Wenn mich jemand um Rat fragt und gar nicht bereit ist, diesen anzunehmen. Wenn ich zwischen zwei Personen vermitteln oder mich gar auf die eine oder die andere Seite stellen soll. Wenn ich mir eingestehen muss, einen kompletten Blödsinn gemacht zu haben. Ich ziehe mich erst einmal zurück, um die für mich unangenehme Situation zu verlassen. Denke nach über Gesagtes und nicht Gesagtes. Schreiben hilft dabei, die verknoteten Gedanken zu entwirren. Wenn Du mich also fragst, auf welche Sprache frau zurückgreifen soll, ist es für mich die Schriftsprache, die mich wieder auf den Weg bringt.

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