„Vielleicht komme ich dazu durch die Hintertür/Perhaps I am coming at this through the backdoor“

Die Analytik vorsichtig einsetzen und Träume definieren hat “Voll50”-Frau Ingrid Dabringer gelernt. Deshalb baut sie sich bald eine Sauna.

“Fully50” – Woman Ingrid Dabringer has learned to use analytics carefully and define dreams. That’s why she’s going to build a sauna soon.

VOLL50: Welche Sprosse der Lebensleiter hast Du übersprungen? Which rung of the ladder of life did you skip?


Ingrid Dabringer:
Die Kindheit und das damit verbundene Zuhause. Mit zwölf Jahren hatte ich in fünf verschiedenen Länder ein Zuhause gehabt: Indonesien, Libanon, Kanada, Mexiko und Ecuador. Mein Vater war ein österreichischer Handelsdelegierter und meine Mutter stammte aus den USA. Wir haben also Österreich vertreten, aber meine Muttersprache war definitiv Englisch. Aber ich hatte nie an einem dieser Orte gelebt und sie als Zuhause bezeichnet, selbst wenn ich sie im Ausland vertreten hätte. Ich würde sagen, ich war aus Österreich und den USA, ohne dort gelebt zu haben. Und es war auch klar, dass ich nicht von einem der Orte kam, an denen ich lebte. Ich lebe jetzt in Kanada. Es ist eine Art europäische Version von Amerika.

Als ich nach Boston zog und 13 wurde, bin ich total ausgeflippt. Ich erinnere mich, dass Andrea Troxel mir erzählte, dass sie ihr ganzes Leben im selben Haus gelebt hatte und dass sie eine sechzehnjährige Katze hatte, die älter war als sie, und dass sie diese Katze auch ihr ganzes Leben lang gehabt hatte. Ich war mir ziemlich sicher, dass sie eine pathologische Lügnerin war, weil nichts davon für mein Gehirn Sinn machte. Natürlich hat sie nicht gelogen, und es war alles wahr. Aber ich dachte, Katzen leben nur zwei bis drei Jahre, weil meine Katzen im Freien aufgrund all der Hunde, die unser Haus umgaben, nur so lange lebten. Wir haben jede fehlende Katze durch eine neue Katze ersetzt.

Auf jeden Fall habe ich viele Orte, an denen ich mich jetzt zu Hause fühle. Ich habe Freunde und Verwandte in vielen verschiedenen Städten und Ländern. Als ich aufwuchs, sagten die Leute immer: „Du bist so glücklich, die Welt zu sehen. Weißt du das?“ Dies ist jedoch eine oberflächliche Analyse, da die Details unter all diesen Bewegungen nicht alle angenehm sind. Es war kein Urlaub. Es war ein Leben. Es gab einen Verlust von Bezugspersonen und Freunden. Es gab einen Krieg im Libanon, der PTBS verursachte. Und es gab eine sehr lange Trennung zwischen meinen Eltern, die dazu führte, dass ich in den vier Jahren zwischen 8 und 12 zehnmal umzog. Obwohl ich für all meine Erfahrungen als Kind dankbar bin, gibt es doch einige Kindheitserfahrungen, auf die ich verzichten könnte und die einer konventionellen Definition von Kindheit und Zuhause wirklich im Wege standen.

Childhood and the associated home. I had called five different countries home by the time I was twelve: Indonesia, Lebanon, Canada, Mexico, and Ecuador. My father was an Austrian Trade Commissioner and my mother was from the United States. So, we represented Austria but my mother-tongue was definitely English. But, I had never lived in either place and never called either place home even if I represented them abroad. I would say I was from Austria and the US without having lived there. And, it was also clear that I wasn’t from any of the places I was living. I now live in Canada. It’s kind of the European version of America.

When I moved to Boston, and turned 13, it completely freaked me out. I remember Andrea Troxel telling me that she had lived in the same house her whole life and that she had a sixteen-year-old cat that was older than her, and that she had also had this cat her whole life. I was pretty certain that she was a pathological liar because none of that made sense to my brain. Of course she wasn’t lying, and it was all true. But, I thought cats only lasted 2-3 years because my outdoor cats would only last that long due to all of the dogs that surrounded our house. We replaced each missing cat with a new cat.

At any rate, I have many places I feel are homes now. I have friends and loved ones in many different cities and countries. While I was growing up people always said, “You’re so lucky to see the world. Do you know that?” But, that is a superficial analysis because the details underneath all of those moves are not all pleasant. It wasn’t a vacation. It was a life. There was loss of caregivers and friends. There was war in Lebanon that caused PTSD. And, there was a very long drawn-out separation between my parents that caused me to move ten times in four years between 8 and 12. So, although I’m grateful for all of my experiences as a child, there are quite a few childhood experiences that I could do without and that truly got in the way of a conventional definition of childhood and home.

VOLL50: Welche Rolle spielt Polarität mit voll50?/Which role does polarity play with fully50?

Ingrid Dabringer:
Es gibt so viele Polaritäten, die man jetzt mit 50 kennt. Ich stelle mir vor, dass es vorher genauso viele Polaritäten gab, aber ich denke, wir sind einfach klug genug, sie jetzt zu sehen, sie sinnvoll zu benennen und zu definieren. Aber sie auch zu fühlen – geistig und körperlich. Bei mir betrifft das die Verbindung zwischen meine Hüfte und den Füße und meinen Absichten. Es gibt jetzt eine Akzeptanz und Großzügigkeit und eine Offenheit für das Leben, die einigen sehr realen physischen Realitäten direkt zu widersprechen scheinen. Die Wechseljahre sind sowohl verrückt als auch befreiend. In den gleichen drei Jahren, in denen sich meine Periode verlangsamte und aufhörte, hat sich in meinem Körper so viel verändert. Mein Sehvermögen, meine Hüfte, Hitzewallungen, meine Fähigkeit, etwas zu buchstabieren oder sich an etwas zu erinnern. Ist ein bisschen wie sterben. Und dann merkt man, dass es Wechseljahre sind und lässt sich darauf ein. Dies alles passt zu den Kindern, die gehen oder gehen wollen, und es ist ziemlich markant. Das ganze empty nest-Syndrom ist ziemlich real. Es gibt diese massive Verschiebung zwischen Fülle und Leere. Die Betonung lautet jedoch: „Womit möchte ich es füllen? Was will ich? Was sind jetzt meine Ziele? Was möchte ich ändern? Wie will ich wachsen? “ Es geht viel um mich und mein Potenzial, auch wenn meine Hüfte und meine Füße Grenzen setzen. Aber die Grenzen tragen sehr dazu bei, das Potenzial zu definieren. Ein Künstler beschäftigt sich in erster Linie kontinuierlich mit der Festlegung von Grenzen: Das Medium, die Größe der Leinwand oder des Projekts, die Zeit – all dies trägt dazu bei, Raum zu schaffen, die Aufmerksamkeit zu schärfen und die Form zu formen, die zum endgültigen Stück wird. Die Vorstellung, dass es in der Kunst in erster Linie um Talent oder Inspiration geht, basiert auf alten romantischen Vorstellungen. Grenzen schaffen die Möglichkeiten. Der Übergang begann mit: „Oh nein! Ich wechsle.“ Und endete mit: „Wie möchte ich diese Änderung bewirken?“ Sehr praktisch fühlen sich meine Füße ganz gut an, wenn ich auf unebenem Boden gehe – in den Hügeln der Natur. Sie mögen überhaupt keinen Beton. Meine zukünftige Wachstumsstrategie besteht also darin, mit einigen dieser Polaritäten umzugehen, indem ich in die Berge ziehe, um ein Gleichgewicht herzustellen.

There are so many polarities that one is aware of now at 50. I imagine that there were just as many polarities previously but I think that we are simply wise enough to see them now, name them meaningfully, and define them. But, particularly, feel them – spiritually and physically. Specifically, my hip/feet vs. my purpose. There is an acceptance and generosity and an openness about life now that seems to directly contradict some very real physical realities. Menopause is both maddening and freeing. So much has changed in my body over the same three years where my period slowed and stopped. My eyesight, my hip, hot flashes, my ability to spell or remember anything. You kind of feel like you might be dying for a stretch there. And then you realize it’s menopause and you settle into it. This is all matched with the kids leaving or planning to leave and it’s quite striking. The whole empty-nest syndrome is quite real. There is this massive shift between fullness and emptiness. But, the emphasis becomes, “What do I want to fill it with? What do I want? What are my goals now? What do I want to change? How do I want to grow?” It’s a lot about me and my potential right now, even if my hip and feet create some boundaries. But the boundaries are very much what help to define potential. An artist, first and foremost, engages continuously with the setting of boundaries: The medium, the size of the canvas or project, the time – they all help to provide scope, hone attention, and sculpt the form that become the final piece. The notion that art is primarily about talent or inspiration is based in old romantic notions. Boundaries create the opportunities. The transition started with, “Oh no! I’m changing.” And ended with, “How do I want to effect this change?” Very practically speaking, my feet feel quite fine if I walk on uneven ground – in the hills in nature. They do not like concrete at all. So my future growth strategy involves dealing with some of these polarities by moving to the hills to bring about balance.


VOLL50: Wo endet Diplomatie?/When does diplomacy end?

Ingrid Dabringer: Ich lerne es gerade. Endet es? Sollte ich mir die Mühe machen, es zu lernen?Ich habe etwas, das ich „germanische Barbarei“ nenne. Ich sage einfach Dinge, die manchmal etwas hart und stumpf sind. Undiplomatisch. Es ist der Verstand meines analytischen Künstlers. „Warum, warum, warum. Und wie, wo, wann und wer? “ So oft „Aber …“ und „Was wäre wenn“ in meinem Kopf. Ich wende sie gleichermaßen auf mich an. (Ich sollte auch beachten, dass die meisten meiner Freunde und Familienmitglieder mich für meine Fähigkeit schätzen, ihnen gleichzeitig zuzuhören und sie analytisch zu unterstützen. Ich bin kein kompletter Schläger!) Es ist mehr so, dass ich die Kanten ein bisschen weicher machen möchte. Ich habe so einen analytischen Verstand, dass ich vergesse, dass andere keine Analyse benötigen oder verlangen. Ein Teil von mir fühlt: „Das Leben ist kurz. Auf den Punkt gebracht.“ Aber ein Teil des Prozesses besteht seltsamerweise darin, langsamer zu werden und aufmerksamer und offener und sanfter zuzuhören. Ich mache seit sechs Monaten Qi Gong und Tai Chi und das hat mir geholfen, langsamer zu werden und zuzuhören. Ich kann tatsächlich hören, wie sich mein Körper bewegt, und jetzt auf meine Wirbelsäule und meine Schultern hören. Ich höre jetzt aufmerksamer zu als je zuvor und das macht mich diplomatischer. Vielleicht komme ich dazu durch die Hintertür. Ich hatte in meiner Jugend so viel Diplomatie im Kopf meiner Künstlerin, dass meine Strategie damals darin bestand, in Situationen, in denen ich nicht die Autorität hatte, still zu bleiben. Bei Diplomatie geht es mir im Moment darum, durch Zuhören ein Gleichgewicht zu erreichen.

I’m just learning it. Does it end? Should I bother learning it?
I have something I call “Germanic barbarism.” I simply say things that are a little harsh and blunt sometimes. Undiplomatic. It’s my analytical artist’s mind. “Why, why, why. And, how, where, when, and who?” So many, “But…” and “what ifs” in my head. I apply them to myself equally. (I should also note that most of my friends and family value me for my ability to simultaneously listen and support them analytically. I’m not a complete brute!) It’s more that I want to soften the edges a bit more. I have such an analytical mind that I forget that others don’t, or that they didn’t actually ask for, or require, any analysis whatsoever. Part of me feels, “life is short. Cut to the chase.” But, part of the chase is, oddly enough, to slow down and listen more attentively, more open-free-gently.
I have been doing Qi Gong and Tai Chi for the last six months and that has helped me slow down and listen. I can actually hear my body move and listen to my spine now and my shoulders. I am listening more attentively now than ever before and this is making me more diplomatic. Perhaps I am coming at this through the backdoor. I had so much diplomacy applied to my artist’s mind in my youth that I my strategy back then was just to keep quiet in situations where I didn’t have the authority. Diplomacy, for me right now, is about achieving balance through listening.

VOLL50: Aus welchem Traum bist du mit voll50 erwacht?/From which dream did you wake up with fully50?

Ingrid Dabringer Wer bin ich wirklich? Was will ich eigentlich? Was muss ich tun, um es zu bekommen? Warum will ich was ich will? Wer bin ich, wenn die Kinder weg sind? Es gibt eine bestimmte Art von Erfolgstraum, der in einem Leben passieren kann. Die meisten meiner Träume von Errungenschaften wurden durch Umstände und infolgedessen durch andere oder überhaupt nicht definiert. Und als Künstlerin habe ich eine merkwürdige Kombination aus Fluidität und Urteilsvermögen, die sowohl Vor- als auch Nachteile hat. Meine Ziele haben sich bisher sehr passiv angefühlt, reaktiv und weniger kontrolliert. Ich mache gerade einen Prozess durch, in dem ich diese Träume aktiv aus einer vagen Wunschliste oder einem Unterbewusstsein herausziehe und sie in eine Zukunftsvision setze – wie ein Trugbild am Horizont. Es stellt sich heraus, dass der große Traum, den ich derzeit aktiv benenne, darin besteht, eine Sauna zu bauen. Als lernende Designerin, die an das Planen vom Ende her glaubt. Es ist jetzt auch klar, dass ich Zugang zu einem Stück Land brauche, auf dem ich diese Sauna platzieren kann. Ich habe Videos gesehen, wie man kleine Hütten baut. Es ist alles so erreichbar. Diese Videos helfen mir, mich darauf zu konzentrieren, diesen Traum zu verwirklichen. Es ist schön zu sehen, wie einfach es ist, meinen Traum zu verwirklichen, und wie viele es bereits erreicht haben.

Who am I really? What do I actually want? What do I have to do to get it? Why do I want what I want? Who am I when the kids are gone?
There is a certain kind of dream of achievement that can happen in a life. Most of my dreams of achievements have been defined by circumstance and as a result, through others or not at all. And as an artist, I have a curious combination of fluidity and judgement which has both upsides and down. My goals have felt very passive up until now, reactive and less controlled. I’m going through a process in which I am actively pulling those dreams out of a vague wish-list or subconscious, and setting them into a future vision – like a mirage on the horizon. It turns out that the big dream that I am currently, actively naming is that I want to build a sauna. And as a learning designer who believes in backward design. It’s also now clear that I need access to a piece of land on which to put that sauna. I have been watching videos on how to build small huts. It’s all so achievable. These videos are helping me stay focused on achieving this dream. It’s beautiful to watch how easy my dream is to achieve and how so many have already achieved it.


VOLL50: Was macht man am besten mit seinen Talenten?/What is the best thing you can do with your talents?

Ingrid Dabringer: Ich finde das immer noch heraus. Anderen zu helfen, kreativ zu denken und zu bauen. Das Geschichtenerzählen zwischen Menschen und Gesellschaft erleichtern. Das Leben ist eine Lemniskate – eine Endlosschleife. In der Menschheit geht es um Menschen, die von innen heraus generieren und handeln. Energie fließt von innen heraus, während wir uns durch Raum und Zeit bewegen. Wir platzieren unsere Handlungen in der Welt – wir interagieren. Die Gesellschaft wiederum reagiert auf diese Handlungen und formuliert sie dadurch leicht neu, bevor sie zum Individuum zurückkehren. Der Einzelne muss dann entscheiden, was mit diesen Informationen geschehen soll, wie er auf seine eigenen Handlungen reagieren soll, wie tief er sich engagieren soll, wie viel er investieren soll, was er aufnehmen und was er verwerfen soll. Als Mutter, Freundin, Community-Mitglied oder Berufstätige – das interessiert mich am Leben: Wie wir mit der Welt um uns herum umgehen. Wie wir handeln und sinnvoll reagieren. Ich bin neugierig auf die Geschichten, die wir uns selbst erzählen, und auf die Geschichten, die Gesellschaften uns erzählen und wie genau sie die Grenzen der Realität widerspiegeln. Ich möchte es erleichtern, wie Leute diese Geschichten erzählen.

I’m still figuring that out. Help others think and build creatively. Facilitating storytelling between people and society. Life is a lemniscate – an infinity loop – . Humanity is about people generating and acting from within. Energy flows forth from within as we move through space and time. We place our actions into the world – we interact. Society, in turn, responds to these actions, thereby slightly reformulating them before they come back to the individual. The individual must then choose what to do with this information, how to react to their own actions, how deeply to engage, how much to invest, what to absorb, and what to discard. As a mother, a friend, a community member or a professional – that is what interests me about being alive: How we interact with the world around us. How we act and react meaningfully. I am curious about the stories we choose to tell ourselves and the stories that societies tell us and how accurately they reflect the boundaries of reality. I like to facilitate how people tell these stories.

Erleben, um zu begreifen


Es ist nicht genug, zu sehen, wie fein es ist, „voll50“ zu sein. Deshalb will Ulrike Swoboda ein Vorbild dafür sein.

VOLL50: Von wem kann man mit „voll50“ Kritik gut annehmen?

Ulrike Swoboda: Nehmen, wenn diese respektvoll und achtsam ist, gelingt zu 85 Prozent – also quasi mehr als perfekt. Und gelernt habe ich auch das genaue Hinhören. Das Begreifen des Anliegens, welches hinter der Kritik steckt. Das ja auch verstanden werden will. Das schönste am „voll 50-SEIN“ – finde ich – ist, dass ich Kritik nicht mehr so persönlich nehme und es keine Erschütterung meiner Selbst gibt.

VOLL50: Von welcher Art von Berechnung hast du dich verabschiedet?

Ulrike Swoboda: Von meiner Berechnung, was ich an Pension bekommen werde;-)

VOLL50: Wo sollte man sich mit „voll50“ unbedingt herumtreiben?

Ulrike Swoboda: Dort, wo es Spaß macht, dort wo es lustig ist, dort, wo frau über sich und andere lernen und lachen kann, dort wo frau die eigenen Grenzen kennenlernt und vielleicht sogar erweitert, dort wo es leicht ist. Alles andere treibt sowieso von allein ins Leben herein

VOLL50: Wie reinigst du deinen Geist?

Ulrike Swoboda: Da habe ich unterschiedliche Strategien: entweder mit Musik oder indem ich mich auf den Boden lege und die Beine zehn Minuten an der Wand in die Höhe strecke, oder in dem ich mich in Gedanken ans Meer setze und dem Rhythmus der Wellen lausche und natürlich auch, indem ich die Natur bewusst erlebe, langsam oder schnell durch die Natur schreite – das Tempo dann je nach Laune und Energie und Notwendigkeit.

VOLL50: Welche Erfahrung sollte eine „voll50“-Frau unbedingt weitergeben?

Ulrike Swoboda: Dass es fein ist, „voll 50“-Frau zu sein. Das müssen Menschen im Umfeld sehen und erleben, um zu begreifen. Kognitives Weitergeben und Erklären funktioniert da nicht. Ich hoffe, dass es mir öfter gelingt, hier ein positives Zielbild zu sein.

Fünf Sterne für die Selbstliebe

Manchmal muss man gehen, um zu sich selbst zu finden. Und manchmal muss man in den sauren Apfel beißen, um ein süßes Leben zu genießen, sagt Voll50-Frau Angie Leutner.

VOLL50: Wem oder was würdest du fünf Sterne geben?

Angie Leutner: Ehrlich gesagt, mir selbst. Ich habe eine wundervolle Tochter, ein Haus und auch sonst alles, was man zu einem glücklichen Leben benötigt. Und ich habe es durch meine eigene Kraft soweit gebracht!

VOLL50: Wovor sollte man sich mit „voll50“ schützen gelernt haben?

Angie Leutner: Ich denke, dass es das Wichtigste ist, dass man gelernt hat, auch mal „Nein“ zu sagen.

VOLL50: Auf welche Art von Freiheit kannst du nur schwer verzichten?

Angie Leutner: Ich glaube, es gibt mit voll50 sehr viele Frauen, die unter dem Druck eines Mannes stehen – und somit wenig bis gar keine Freiheit haben. Ich gehöre da gottseidank nicht dazu. Aber das liegt auch daran, dass ich „STOP“ sagen kann. Ich habe das Glück, auf nichts verzichten zu müssen, obwohl ich jeden Tag in meinem Job fahre, wo ich nicht sehr glücklich bin. Doch dort verdiene ich so gut, dass ich mir mein schönes Leben auch alleine leisten kann.

VOLL50: Wann ist das leben eher ein Hürdenlauf – mit voll40 oder mit voll50?

Angie Leutner: Ich denke, dass das nicht wirklich mit dem Alter zu tun hat. Obwohl: Wenn man mit voll50 so verrückt ist wie ich, wird man manchmal schon ein wenig schief angesehen. Ich habe immer noch meine Hobbys: Tanzen, Tauchen, Motorrad und Motorboot fahren.

VOLL50: Was war das wichtigste, was du in deinem Leben niedergerissen hast?

Angie Leutner: Meine erste Ehe mit dem Vater meiner Tochter. Nur so konnten wir die Achtung voreinander und füreinander wieder herstellen. Wir sind heute gute Freunde und dafür bin ich sehr dankbar. Und für meine Tochter ist er der beste Dad, den man sich als Mutter wünschen kann.

Die Oberfläche durchdringen

Gewisse Worte verlieren an Aktualität, gewisse Äußerlichkeiten an Wichtigkeit, sagt „Voll50“-Frau Nicole Berkmann. Humor kann man allerdings nie genug haben.

VOLL50: Wann bleibt der Verstand an der Oberfläche?

NICOLE BERKMANN: Ist der eigentlich jemals wirklich an der Oberfläche oder wird er nur in manchen Situationen zugeschaltet?

VOLL50: Welche Wahrnehmungsschwäche leistest du dir mit „voll50“?

NICOLE BERKMANN: Über diese Frage musste ich echt lange nachdenken. Gefunden habe ich folgendes: Ich bin ein visueller Mensch und mag alles, was die Augen vom goldenen Überfluss der schönen Welt trinken können (nach Gottfried Keller). Aber mit zunehmendem Alter ist mir bei Menschen das Äußere nicht mehr so wichtig, ich schaue immer mehr durch die Hülle hindurch. Ich leiste mir, die Wahrnehmungsschwäche Gwand und vor allem Klimbim nicht mehr in aller Deutlichkeit zu sehen.

VOLL50: Gibt es Worte, aus denen man rauswächst?

NICOLE BERKMANN: Vaubrik und Benton sind zwei Worte, die ich als Kind gesagt habe, weil sich mir Fabrik und Beton einfach nicht erschlossen haben. Walkman ist ein Wort, das ich als Jugendliche benutzt habe und man heute nicht einmal mehr weiß, was das war. In den 20ern habe ich während meines Studiums viele lateinische Pflanzennamen in meinen Kopf gehämmert, die ich trotzdem heute großteils nicht mehr weiß. In den 30ern war Karriereschritt ganz wichtig.

VOLL50: Wird man mit „voll50“ empfänglicher für Humor?

NICOLE BERKMANN: Kann man mit Anfang 20 über Speckröllchen am (eigenen) Bauch oder doofe Sprüche (anderer) lachen? Mit voll50 kann man sogar Tränen darüber lachen.

VOLL50: Was ist wichtiger – Bewusstsein oder Wissen?

Gute und wichtige Ideen kommen wieder

Voll erwachsen erlebt sich Britta Mühlbauer. Und sie feiert ihre Narben, offene Kreise und eine neue Dynamik.

VOLL50: Was macht mit voll50 glückselig?

BRITTA MÜHLBAUER: Mein Äquivalent zur Glückseligkeit ist Dankbarkeit. Ein sehr intensives Gefühl, wenn es mir gut geht. Ich bin dankbar dafür, wie mein Leben bisher verlaufen ist, was mir geschenkt wurde, was mir zugeflogen ist, was ich kann, was ich geschafft habe und was noch offen ist. Auch das ist wichtig, dass es einen Blick in die Zukunft gibt, dass noch nicht alles erreicht ist.

VOLL50: Welche Bande muss man durchschneiden?

BRITTA MÜHLBAUER: Als loyaler Mensch fällt es mir schwer, Bande durchzuschneiden. Ich lasse locker oder lasse los. Vor allem Dinge und Menschen, bei denen mehr Energie abfließt als zurückkommt. Was früher schwierig war, die Bande zur Vergangenheit neu zu definieren, aus Rollen herauszutreten, die sich über Jahre ausgeformt hatten, ist inzwischen einfach geworden. Wenn ich Leute von früher treffe – KlassenkameradInnen, StudienkollegInnen, die ich längere Zeit nicht gesehen habe – bin ich, wer ich bin, nicht wer ich war. Voll erwachsen halt.

VOLL50: Darf man mit voll50 Narben auch feiern?

BRITTA MÜHLBAUER: Auf jeden Fall! Narben erinnern daran, was man hinter sich gelassen hat, wo es eng war, was hätte schief gehen können und an das, was man daraus gelernt hat.

VOLL50: Wie lässt sich ein Kreis schließen?

BRITTA MÜHLBAUER: Im Leben bleibt vieles offen. Dinge, die man lernen wollte, Orte, die man besuchen, Sachen, die man ausprobieren, Beziehungen, die man vertiefen wollte etc. Mit dreißig, vierzig hielt ich das für verpasste Gelegenheiten. Inzwischen weiß ich, dass die wichtigen Dinge immer wieder auftauchen und ich an Offenes anknüpfen und es weiterverfolgen kann. Mit der Musik und dem Unterrichten zum Beispiel unterhalte ich eine lange On-Off-Beziehung. Manchmal musiziere ich mehr, manchmal weniger, manchmal unterrichte ich ein paar Jahre, dann ist es wieder genug. Auch beim Schreiben gibt es Themen und Ideen, die immer wieder auftauchen. Deshalb habe ich auch keine Panik mehr, wenn ich eine Idee nicht gleich notieren kann. Wenn sie gut und wichtig ist, kommt sie wieder.

VOLL50: In welchem Bereich ist man mit voll50 dynamisch?

BRITTA MÜHLBAUER: In Situationen, die ein adäquates Selbstbewusstsein verlangen, bin ich offensiver als früher. Wenn mich jemand lobt, bedanke ich mich, statt zu relativieren, ich melde mich, wenn ich etwas haben möchte und wenn sich die Gelegenheit bietet, trete ich ins Scheinwerferlicht, statt mich zu verstecken. 

www.brittamuehlbauer.at

Vom Salz in der Suppe

Eine Voll50-Frau kann alles: Motorradfahren, Abtanzen, Ruhe genießen. Sagt Daniela Halbedel.

VOLL50: Woran orientiert sich heutzutage eine voll50-Frau, wenn sie keine voll50-Frau der vergangenen Jahrzehnte sein will?

DANIELA HALBEDEL: Ich finde, man sollte sich in seinem Leben sowieso nicht allzu viel an anderen orientieren. Jede Frau ist eine eigenständige Persönlichkeit, gereift durch viele Lebenserfahrungen. Sicherlich wird uns ein Grundgerüst unserer Persönlichkeit durch unsere Eltern, unsere Erziehung und unsere Umwelt mitgegeben. Wir Frauen in Österreich leben aber in der glücklichen Lage, unser Leben und somit unsere Persönlichkeit selbst bestimmen zu können. Daher steht es uns frei, unsere eigene Entwicklung selbst in die Hand zu nehmen.

Seit der Antike gibt es immer wieder erfolgreiche Frauen, die sich gegen Ungerechtigkeiten wehren, durch Politik die Welt verändern oder in der Wissenschaft tätig sind. Dazu fallen mir spontan Cleopatra, Katharina die Große, Maria Theresia, Madame Curie, Berta von Suttner, Mutter Teresa ein. Aus diesem Grund ist es auch kein Nachteil, wenn wir uns auch an Frauen, die in der Vergangenheit lebten, orientieren, ebenso wie an interessanten Persönlichkeiten der Gegenwart.

Eine Voll50-Frau der Gegenwart und Zukunft ist also für mich eine selbstbewusste Frau, die weiß, was sie will und sich auf ihrem Weg nicht beirren lässt.

VOLL50: Welche Löcher müssen nicht mehr gestopft werden?

DANIELA HALBEDEL: Mit voll50 verdient man genug, um über die Runden zu kommen, man hat ein gemütliches Heim, kann auf Urlaub fahren und muss nicht mehr unbedingt jeden Cent drei Mal umdrehen. Man hat auch die Freiheit und Möglichkeit, sich nicht mehr an alles und jeden anpassen zu müssen und kann auf die Meinung Andersdenkender pfeifen. Das Bedürfnis, jedem zu gefallen, ist nicht mehr vorhanden. Es ist einfach nicht mehr wichtig, überall dabei zu sein, Qualität wird wichtiger als Quantität.

VOLL50: Was verleiht einer voll50-Frau Flügel?

DANIELA HALBEDEL: Ich fühle mich glücklich, wenn ich meine Freunde treffen kann, um zu plaudern und Spaß miteinander zu haben. Gerne bei einem Glas gutem Rotwein und feinen Essen. Aber auch gute Musik oder schöne Konzerte oder mal Abtanzen bis in den Morgen gehört zu meinem Lebensglück. Ebenso verleiht mir ein Motorradausflug mit Freunden ins nahe Wald- Most- Mühl- oder Weinviertel „Flügel“. Ich liebe es mit dem Motorrad durch die Hügellandschaften zu cruisen und die Düfte der Umgebung aufzusaugen, um bei Zwischenstopps die Vielfalt unserer Heimat kennen zu lernen.

Genauso beflügeln mich Reisen in ferne Länder, um in die Sitten und Gebräuche anderer Kulturen einzutauchen und neue Aspekte des Seins zu erfahren.

Hin und wieder ziehe ich mich gerne zurück, um in Ruhe ein gutes Buch zu lesen oder einfach nur, um meine Gedanken schweifen zu lassen. Ruhe kann etwas Wunderbares sein.

VOLL50: Worüber kannst Du nur mehr lachen?

DANIELA HALBEDEL: In jungen Jahren wollte ich angepasst sein, keine Fehler machen, das Leben vorplanen, keine Kompromisse eingehen, schlank sein, es jedem recht machen. Mit voll50 habe ich gelernt, mich nicht zu verbiegen und mich anzunehmen wie ich bin. Ich akzeptiere, dass nicht immer alles so ist, wie ich es will, aber jeder hat ein Recht auf seine eigene Meinung, Ansicht und Lebensweise.

Ich habe gelernt, dass gerade das Unvorhergesehene oft das Spannende und Prägende ist, sozusagen das Salz in der Suppe. Heute freue ich mich auf die Zukunft und weiß, dass noch viele tolle Dinge auf mich zukommen werden.

VOLL50: Wann sollte eine voll50-Frau gewissenlos sein?

DANIELA HALBEDEL: Das ist eine Frage die ich so nicht beantworten kann:
Gewissenlos bedeutet für mich „über Leichen zu gehen“,
also ohne Rücksichtnahme auf Verluste vorzugehen und anderen Individuen seinen Willen aufzudrücken, koste es was es wolle – und das kann ich nicht befürworten. Ich bin der Ansicht, dass man in seinem Leben auch eine Verantwortung gegenüber anderen Menschen hat. Falls mit gewissenlos jedoch hemmungslos gemeint ist, dann bin ich es immer dann, wenn es mir gut dabei geht, was immer es auch das sein mag.

www.numismatik.eu

„Erleichtert, dass mir nichts gehört“

Brigitta Höpler spricht über das Open End, das Hineinleben ins Wohlwollen und fliegende Teppiche aus Worten.

VOLL50: Wann faltest Du Deine Hände?

BRIGITTA HÖPLER: „Nie“ wollte ich sofort schrei(b)en. Wegen meiner ersten Assoziation zur Frage: „Hände falten, Goschn halten“. Abgesehen davon falte ich meine Hände, wenn sie kalt sind, in der Manteltasche. Wenn sie einen kleinen, runden Stein oder eine Kastanie halten.

VOLL50: Welches Happyend braucht man mit voll50 auf jeden Fall?

BRIGITTA HÖPLER: Happy End ist für mich ein Filmbegriff. Ich bevorzuge allerdings Filme mit Open End, oder mit schrägem, ungewöhnlichem Ende. Immer kostbarer wird mir das „Augenblicksglück“, ein Begriff der Dichterin Rose Ausländer.

VOLL50: Was bedeutet es für Dich, in den Sternenhimmel zu schauen?

BRIGITTA HÖPLER: Ich liege auf sonnenwarmen Steinen auf der Insel Losinj. Schaue in die Sterne, die Milchstraße, die Sternschnuppen. Sterne und Steine waren lange vor mir da und werden lange nach mir da sein. Das ist beruhigend, relativierend, tröstend. Und hat etwas Schwereloses.

VOLL50: Welcher Sinn ist mit voll50 bedeutsamer als mit voll30?

BRIGITTA HÖPLER: Mit 30 dachte ich, mir gehört die Welt, und das Wollen war so drängend. Mit 50 bin ich dermaßen erleichtert, dass mir nichts gehört. Ich wünsche mir, in ein Wohlwollen hineinzuleben, auch und vor allem mir selbst gegenüber. Mein Adventkalender (von einem Berliner Verlag) weiß das offenbar. Hinter der ersten Tür lese ich einen Gedanken von Clara Luise: „Als ich begann, nicht mehr so hart zu mir selbst zu sein, wurde auch der Rest der Welt sanfter.“

VOLL50: Wo hast Du Deinen Platz gefunden?

BRIGITTA HÖPLER: In Worten. Worte geben mir ein Dach über dem Kopf und Boden unter den Füßen. Sie verbinden, verbünden mich mit den Dingen, den Wesen, den Erscheinungen. Sie wärmen und beschützen mich, sind allerdings auch fliegende Teppiche, mit denen ich mich auf und davon mache.

www.brigittahoepler.at

„Anpassen – wozu und für wen?“

Von schwachen Männern, Wolkenbildern und zwei Liedern, die sie begleiten, erzählt Bettina Stein-Geba.

VOLL50: Welche Art von Bewegung ist dir die liebste?

BETTINA STEIN: Als Kind bin ich mit unseren Eltern immer wandern und Skifahren gewesen und irgendwie habe ich es gehasst. Es war einfach nicht lustig, den Berg rauf und wieder runter zu gehen. Dann habe ich das Schwimmen entdeckt und war sogar in der Jugendliga.

Noch heute vergesse ich dabei Raum und Zeit, wenn ich im Wasser bin. Mein Körper ist leicht und wird vom Wasser getragen und gestreichelt. Beim Rückenschwimmen schaue ich in den Himmel und denke nichts oder wenn meine Kinder dabei sind, raten wir Figuren in den Wolken und erzählen uns gegenseitig Geschichten, was sich da oberhalb von uns abspielt.

VOLL50: Worüber kann man mit voll50 lachen, über das man mit voll30 noch geweint hat?

BETTINA STEIN: Oh meine Güte, ist das eine schwere Frage! Ich weiß nur, dass ich nie wieder 30 sein möchte. Da war ich alleinerziehend mit einem einjährigen Schreikind, keinen Mann, kein Job und kein Geld. Ich weiß bis heute nicht, woher ich die Energie hatte, aber in dieser Zeit gründete ich mein Unternehmen. In meiner beruflichen Laufbahn hatte ich immer Glück, doch meine Männerwahl war eine Katastrophe. Meine Vision und Traum war immer, dass ich in einer großen Villa in der Nähe vom Wasser wohne, einen super tollen Mann an meiner Seite und vier Kinder habe. Alles soll harmonisch, ausgeglichen sein, keinen Stress und keine Streitereien geben. Doch Träume werden nicht immer so in die Realität umgesetzt! Ich hatte eine sehr schwere Zwillingsschwangerschaft, da bin ich zwölf Wochen im Spital gelegen. Leider habe ich bei der Geburt ein Mädchen verloren. Mein Jüngster – heute 10 Jahre alt -,  wäre fast auf der Neonatologie gestorben, wenn ich ihn nicht auf Revers rausgeholt hätte.  Meine Männer waren immer zu schwach für mich. Bei jedem Problem haben sie mich allein gelassen. Darum will ich nicht mehr jünger sein – keine 30 und keine 40 mehr!

Heute mit bald 52 Jahren habe ich gefunden, was ich mit gewünscht hatte. Vor zwei Jahren habe ich das dritte Mal geheiratet, meine vier Kinder sind mein Ein und Alles und uns verbindet ein unglaubliches Band miteinander. Ich bin eine Mischung aus Freundin und Mama für sie und sie wissen, dass ich für sie durchs Feuer gehe. Mit meinem jetzigen Mann habe ich keine gemeinsamen Kinder- vielleicht ist das das Geheimnis einer glücklichen Beziehung?  Sprich meine Träume sind in einer abgeänderten Version wahr geworden.

VOLL50: Woran passt du dich gerne an?

BETTINA STEIN: Ich will mich nicht anpassen. Wozu und für wen? Entweder man liebt mich oder man hasst mich!

VOLL50: Muss man mit voll50 wissen, wohin die Reise geht?

BETTINA STEIN: Ich coache Frauen in diesem Bereich und wir machen fast immer eine Biografie und Visionsarbeit – wohin gehe ich, was will ich, aus welcher Ausfahrt meines Kreisverkehrs biege ich ab? Das Wichtigste ist, dass dein Herz dir zeigt, wohin du gehen sollst. „Geh wohin dein Herz dich treibt!“ – hinterfrage es nur immer wieder und reflektiere dich, ob es dir gut geht. Wenn es dir gut geht, dann geht es deinem nahen Umfeld ebenfalls gut!

VOLL50: Welches Lied drückt dein momentanes Lebensgefühl aus?

BETTINA STEIN: Da gibt es zwei Lieder:  „Guten Morgen Freiheit“ von Yvonne Catterfeld und „In meinem Leben“ von Nena, denn die meisten Frauen ab einem gewissen Alter, finden sich in diesem Lied wieder. „In meinem Leben bin ich oft geflogen, tief gefallen aber auch manchmal ertrunken – ich habe gegeben, ich habe genommen – ich bin mir nah und mir immer wieder fremd. Ich will nicht arm sein, und Geld macht mich nicht reich, manchmal ist das Leben schwer, ich habe gelacht und geweint und habe herausgefunden, was mich schöner macht.

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„In voll Fünfzig Zügen“

Andrea Steinwender

Was das Ur-Übel mancher Probleme der Zeit ist, warum Vernunft nie sexy ist und an welchen Grenzen sich die Geister scheiden, erzählt Andrea Steinwender.

VOLL50: Haben mit voll50 Begierden und Begehrlichkeiten ausgedient? Falls nein, warum nicht?

ANDREA STEINWENDER:  Sollte ich mit 50 keine Begierden oder Begehrlichkeiten mehr haben, wäre ich doch praktisch tot. Natürlich verändern sich diese im Laufe des Lebens, Begierden aus den 20er und 30ern haben sicher nicht mehr den Stellenwert von damals, die Entwicklung eines Menschen verändert diesen selbst genauso wie seine Begierden. Ich nehme mich nicht mehr so ernst und gebe mich manchen Begehrlichkeiten gerne hin, ohne groß darüber nachzudenken – und genieße sie. Schließlich hatte ich 50 Jahre Zeit, abzuwägen und darüber nachzudenken – jetzt genieße ich – zum Beispiel eine meiner Begehrlichkeiten, die in den letzten 20 Jahren zu kurz kam: mir mehr Zeit für mich selbst zu nehmen, in „voll Fünfzig Zügen“.

VOLL50: Worüber kannst du dich noch aufregen?

ANDREA STEINWENDER: Es gibt eigentlich nur eines, worüber ich mich wahnsinnig aufrege: dass eine Kategorie von Menschen denken, sie sei wertvoller als andere und dass ihre Wahrheiten die einzig Richtigen wären. Sei es die Hautfarbe, die Herkunft oder auch die Religion. Wir sind alle gleichwertige Menschen, egal woher wir kommen, welche Hautfarbe, Kultur oder Religion wir haben. Diese engstirnigen Menschen sind für mich wirklich das Ur-Übel so mancher Probleme in unserer Welt, und offenbar lernen wir leider nicht viel aus der Geschichte, um es heute besser zu machen.

VOLL50: Wann ist Vernunft mit voll50 sexy?

ANDREA STEINWENDER: Bei dieser Frage musste ich wirklich lange überlegen. Kann Vernunft sexy sein, für mich widerspricht sich das. Ich bin ein sehr gefühlvoller und emotionaler Mensch, der sehr oft aus dem Bauch heraus entscheidet. Natürlich entscheidet das Leben manchmal, dass Vernunft die bessere Wahl für einen selbst oder auch für das Umfeld, in dem man lebt, zu sein scheint, aber „Vernunft“ beschreibt eine sehr rationale Weise der Entscheidung, die ich vermeide, wenn es möglich ist. Muss ich der Vernunft folgen, geht „sexy“ verloren!

VOLL50: Welcher Stern hat dich bislang begleitet?

ANDREA STEINWENDER: Der Stern der Hoffnung. Oft ging es bergauf und bergab in meinem Leben, manchmal schien es keinen Ausweg zu geben, doch in meinem tiefsten Inneren hatte ich immer jede Menge Liebe, die mir auch immer wieder die Hoffnung zurückbrachte und mich stets durchs Leben geleitete.

VOLL50: An welcher Grenze scheiden sich mit voll50 die Geister?

ANDREA STEINWENDER: An einer von anderen gesetzten Grenze. Das Leben an sich setzt ja schon eine Grenze, die mit dem Tod endet. Ich denke, vor allem geistige Grenzen sollten wir meiden beziehungsweise überschreiten. Gegen diese Grenzen müssen wir ankämpfen, sie überschreiten und uns öffnen für Neues, Verständnis füreinander aufbringen und nicht gegeneinander arbeiten. Das fängt in der Familie an und zieht sich durch unser kulturelles und politisches Leben und nicht selten bringt es uns an unsere eigenen Grenzen.

„Gleichheit ist richtig – aber auch nicht“

Empfindsam ist nicht gleich empfindlich, und Parteilichkeit lohnt sich – vor allem mit voll50, sagt Angelika Gassner.

VOLL50: Ist Gleichheit richtig?

ANGELIKA GASSNER: Liberté, egalité, fraternité ist das Erste, was mir zu Gleichheit einfällt. Oder die Verzerrung dessen in Animal Farm: „All animals are equal, but some animals are more equal than others.“ Der nächste Gedanke, der auftaucht, ist die fehlende Gleichheit der Frau zum Beispiel in der katholischen Kirche – seit Jahrtausenden. Und wenn ich noch präziser nachdenke, dann bin ich mir nicht mehr sicher, ob Gleichheit das ist, was ich richtig finde. Eine andere Nuance wäre mir lieber: Gleich-Würdig-keit (eine Neukomposition, die es so nicht gibt). Wir sind alle mit einer unauslöschlichen Würde, einer „göttlichen“ Würde ausgestattet, die uns niemand nehmen können sollte – auch wenn es immer wieder geschieht, dass auf ihr herumgetrampelt wird. Meine Würde grenzt an deine Würde – darin sind wir „gleich“. Aber sonst bin ich gleich viel wert, aber doch nicht gleich wie du, wie Sie. Ich bin eben ein Individuum, ein Unikat – ich möchte nicht unbedingt gleich behandelt werden, wie jede und jeder andere, aber mit Würde, Respekt, Liebe, jedoch so, dass ich es als an mich angepasst empfinde, eben achtsam und persönlich, individuell. Ist Gleichheit richtig – ja schon, aber eben auch nicht. Kommt darauf an, ob ich dahinter noch als die (Einmalige) gesehen werde, die ich bin – trotz gleicher Würde.

VOLL50: Zu welcher Art von Verschiedenheit sollte man mit voll50 stehen können?

ANGELIKA GASSNER: Ich entspreche nicht den gängigen Idealen (von Größe, Gewicht, Haarfarbe, Lebensstil, Einstellung, Spiritualität …), die so gern in den Medien vertrieben werden, die der Tradition oder der Moderne entsprechen. Aber ich stehe zu meiner Art zu lachen, zu leben, zu arbeiten, Muße zu tun, zu glauben. Ich stehe zur Verschiedenheit, die mich ausmacht, die mich einzig macht, die mir entspricht, die authentisch ist. Nicht immer und nicht durchgehend, aber immer mehr und immer tiefer.

VOLL50: Worin liegt für Dich der Unterschied zwischen empfindsam und empfindlich?

ANGELIKA GASSNER: Wenn ich empfindlich bin oder du empfindlich bist, dann können Missverständnisse schnell zu Konflikten, Streit oder Kommunikations-Pause oder -Ende führen. Ich könnte Trotz, Ärger, Unverständnis, Schweigen erleben, wenn mein Gegenüber (zu) empfindlich auf etwas reagiert. Rückzug oder (positive wie negative) Auseinandersetzung könnten die Folge sein. Wenn ich empfindsam bin, dann wähle ich meine Worte mit dem Herzen, aus der Verbundenheit mit dir. Dann bin ich achtsam präsent und reagiere entsprechend sensibel. Ich höre Nuancen, ich sehe Tiefe, ich spüre Schwingungen und achte sie. Wenn du empfindsam bist, dann ist der Weg zu mir kürzer, sanfter, verständnisvoller, intensiver, lebendiger.

VOLL50: Welche Bewegung sollte mit voll50 auf keinen Fall weh tun?

ANGELIKA GASSNER: Die innere, die seelische Bewegung beziehungsweise Beweglichkeit sollte auf keinen Fall weh tun – zu keiner Zeit, aber besonders ab der Lebensmitte mit neuem Elan. Denn jetzt verändern sich die Themen nochmals, weg vom Fundament und Aufbau, hin zum Wesentlichen, der Mitte-Erfahrung und dann auch hin zu den letzten Dingen. Und dabei gilt es die gewonnenen Erfahrungen dankbar zu vermehren: indem sie sortiert, gewürdigt und liebevoll eingesetzt werden. Denn aus diesem Erfahrungsschatz setzt sich, wenn ich ihn auch wirklich als solchen wahrnehme, meine Lebensspur zusammen – ebenso meine Ausstrahlung, mein So-Sein und mein Profil. Die Bewegung des Herzens ist natürlich der der Seele verwandt. Sie gewinnt, wenn ich weiß, was mich nährt und beweglich hält. Herzgymnastik? Mein Herz weiten, stärken, nähren und dadurch an Fülle und Qualität gewinnen – wenn ich es immer wieder verschenke, kehrt es immer wieder bewegt zurück.

VOLL50: Wo leistest du dir Parteilichkeit?

ANGELIKA GASSNER: Partizipieren, teilhaben, Anteil nehmen, ein Teil sein von … Die Fülle des Lebens ist mir wichtig, die Auferstehungsqualität, die Lebensfreude und die Intensität des Seins und Tuns, die liebevolle Zuwendung … Eine offene, befreiende, inspirierende, heilsame Spiritualität lohnt sich immer, um das Leben dankbar zu feiern, zu genießen. Der Mensch kann so viel Gutes bewirken, wenn er achtsam, einfühlsam, empfindsam, sozial verbunden, dankbar und würdig lebt und leben lässt. Es täglich versuchen, an der Schönheit und Würde der Natur, des Menschen, des Göttlichen in mir teilzuhaben und es mit vielen zu teilen, dafür lohnt sich Parteilichkeit.

Foto: Robert Maybach©

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